Neue Serie: Kirchturmgespräche Wenn der Alltag zur Höhe wird

12.05.2019

In unserer neuen Serie besteigen wir in den Wochen zwischen Ostern und Pfingsten mit interessanten Gesprächspartnern hohe Kirchtürme.Wir fragen nach, was sie in ihrem Alltag begeistert, wann und wo sie sich dem Himmel besonders nahe fühlen und wie sie so manche Höhen und Tiefen im Leben meistern. Start ist in Giesing.

Erklommen gemeinsam den Turm der Heilig-Kreuz-Kirche auf dem Giesinger Berg: Monsignore Engelbert Dirnberger (links) und Florian Ertl
Erklommen gemeinsam den Turm der Heilig-Kreuz-Kirche auf dem Giesinger Berg: Monsignore Engelbert Dirnberger (links) und Florian Ertl © Kiderle

München - Jetzt hammas geschafft“, sagt Monsignore Engelbert Dirnberger und tritt hinaus auf die Außenplattform des Turms der Giesinger Heilig-Kreuz-Kirche. Das helle Sonnenlicht blendet nach dem vorausgegangenen Dämmerlicht ein wenig und ein frisches Lüfterl weht uns um die Nase, als wir nach einem knapp zehnminütigen flotten Aufstieg nun angekommen sind. Insgesamt 323 Stufen und mehrere Ebenen liegen hinter uns. Ein durchaus abwechslungsreiches Szenario aus steinernen Wendeltreppen und hölzernen Leiterstufen, vorbei am Eingang zur Orgelempore des mächtigen neugotischen Gotteshauses, auch die Schallöffnungen mit den Holzlamellen haben wir passiert, der riesige Dachstuhl breitete sich majestätisch vor uns aus und auch am vier Glocken umfassenden Geläut sind wir an diesem Vormittag ohne Hörschaden vorbeigekommen. Glück gehabt, jetzt schlägt die Turmuhr erst Dreiviertel. 95 Meter sind es bis zur Spitze des achteckigen Turms.

Unmengen an Staub und Taubenkot pflasterten den Aufstieg, doch der Ausblick jetzt entschädigt für vieles: Ein phantastisches München-Panorama breitet sich unter uns aus: die Straßen und Häuserzeilen von ganz Ober- und Untergiesing, das Sechzger-Stadion mit seinen hohen Flutlichtmasten, die benachbarte evangelische Luther-Kirche. Der Blick schweift hinüber zu den nahen Isarauen, alles leuchtet wunderschön in den verschiedensten hellen Grüntönen des Frühlings und in der dunstigen Ferne sind die Berge zu sehen. Wir freuen uns und benennen souverän die zahlreichen Kirchtürme der näheren und weiteren Umgebung. Monsignore Dirnberger ist kaum ins Schwitzen geraten. Der 53-jährige Dekan von Giesing ist ein sportlicher Typ, das graue Sakko sitzt auch nach dieser kleinen Tour tadellos.

Dem Himmel ein Stückerl näher

Hat er Übung mit dem Turmaufstieg? „Ach, ich komm nur ein paar Mal im Jahr hierauf, leider, der Ausblick ist nämlich schon sensationell“, seufzt er. Aber aus Sicherheitsgründen gäbe es leider keine öffentlichen Führungen, sondern lediglich für wenige ausgewählte Personen und nur privater Natur. Der schmale Umgang zeugt dennoch unübersehbar von ständigen Bewohnern: Hier oben nisten sowohl Turm- wie Wanderfalken. Federn und Knochenreste, die grausigen Überbleibsel ihrer Taubenmahlzeiten, liegen überall verstreut. Ein Raubvogel lässt sich nur wenige Meter von uns elegant im Aufwind treiben, er traut uns offenbar nicht so ganz und beobachtet genau die ungewöhnlichen Gäste in seinem Revier.

Ist man hier dem Himmel tatsächlich ein Stückerl näher als auf Erden? „Das hängt ganz davon ab, was man für eine Idee vom Himmel hat“, lautet die verschmitzte Antwort. Paradiesische Ruhe herrscht hier oben übrigens keineswegs, der Verkehrslärm der dicht befahrenen Straßen dringt erstaunlich laut zu uns herauf, ein Martinshorn ist deutlich zu hören. Ganz so wie im wirklichen Leben, wo einem der Alltag schnell aus irgendwelchen Höhen wieder in die Niederungen zurückholen kann.

95 Meter misst der Turm der Giesinger Heilig-Kreuz-Kirche
95 Meter misst der Turm der Giesinger Heilig-Kreuz-Kirche © Kiderle

Wann wird für den Giesinger Pfarrer selbst der Alltag zur Höhe? Er denkt kurz nach. „Immer dann, wenn man den Eindruck hat, etwas Nachhaltigeres bewirkt zu haben – das kann in einem persönlichen Gespräch sein, wenn die eine oder andere Frage hilfreich war, das kann in Gremien der Fall sein, wenn es gemeinsam gelungen ist, ein bisschen nach vorne zu schauen, das kann aber auch beim Erhalt eines solchen Gebäudes wie dieser 1886 geweihten Kirche sein, wenn man nach einer Renovierung sagen kann: ,Es ist gut so‘.“ Monsignore Dirnberger lässt den Blick in die Ferne schweifen: „Ich glaube, die wahre Balance im Leben hat man dann gefunden, wenn der Alltag selbst zur Höhe werden kann.“ Maßstäbe hierfür seien „innerer Friede, Sinnfindung oder Gemeinschaftserleben“.

Wir blicken gemeinsam von Münchens höchstgelegenem Kirchturm hinunter in Innenhöfe und auf Dachterrassen. „Ich bin immer wieder fasziniert, wie viel Lebendigkeit und Leben hinter den einzelnen Fassaden steckt“, meint der Dekan. Eine graue Wolke schiebt sich kurz vor die Sonne. Gerade der Kirche wird oft vorgeworfen, sich kraftlos hinter grauen und toten Fassaden zu verschanzen, sich im Klein-Klein zu verlieren und keinerlei Höhen mehr zu erreichen. Wäre hier nicht auch so ein Perspektiv- Wechsel ähnlich dem unsrigen notwendig? Der Turmfalke kreischt im Abdrehen kurz auf. „Kirche steht immer in der Gefahr, sich selbst zu genügen und um die eigenen Probleme zu kreisen“, sinniert Monsignore Dirnberger. „Es schadet daher nichts, den eigenen Scheinwerfer, der unsere Wirklichkeit beleuchtet, immer wieder mal einen Meter nach rechts oder nach links zu verschieben, dann entdeckt man viel Neues – sowohl innerhalb wie außerhalb der Kirche.“

Feldrede statt Bergpredigt

Was jedoch, wenn aus gewissen Kirchenkreisen gebetsmühlenhaft die Forderung erhoben wird, sich in derart exklusive Höhen zu begeben, die andere gar nicht mehr erreichen können oder sollen? „Da wäre vielleicht ein Blick ins Evangelium ganz hilfreich“, empfiehlt der Geistliche. „Mir ist hier die Feldrede bei Lukas ganz sympathisch. Bei dem Begriff ,Bergpredigt‘ wird Jesus immer als der reine Lehrer dargestellt, der sich oben hinsetzt und von oben herab die unter ihm Sitzenden belehrt. Bei Lukas hingegen ist Jesus zwar auch auf einem Berg, um zu beten und um zu sich und zu Gott zu kommen. Danach geht es aber wieder hinunter ins Feld, hin zu den Menschen. Diese Begegnungen zählen für Jesus und die müssen auch für uns als Kirche wichtig sein. Runter also aus den Höhen der Theologie und der Dogmatik und versuchen, die Sprache der Menschen zu sprechen! Und das gelingt am ehesten, wenn man ihnen auch in ihrem Alltag begegnen mag.

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de


Das könnte Sie auch interessieren

© Thomas Beißner

Serie: Kirchturmgespräche Himmel und Erde verbinden

In der Serie geht es mit interessanten Gesprächspartnern aus dem Erzbistum in luftige Höhen. Diesmal auf den höchsten Kirchturm Bayerns mit Schauspielerin Paula-Maria Kirschner aus Landshut. Sie...

09.06.2019

Monsignore Thomas Frauenlob und Veronika Mergenthal auf dem Südturm der Berchtesgadener Stiftskirche. Zwischen ihnen sieht man den zum Teil unausgebauten Schlossflügel.
© Schöbinger

Serie: Kirchturmgespräche Begeisterung in die Welt tragen

In der Serie geht es mit den Gesprächspartnern auf die hohen Kirchtürme im Erzbistum. Diesmal verrät Berchtesgadens Dekan Monsignore Thomas Frauenlob, wie er die Zukunft der Kirche sieht.

02.06.2019

Das Jenseits ist in vielen Filmen ein beliebtes Thema.
© imago/Prod.DB, Imago/kpa, klagyivik - stock.adobe.com

Tipps für den Feiertag Der Himmel im Film

Der Himmel spielt nicht nur in der Kirche eine große Rolle. Autor Klaus Schlaug stellt drei berühmte Filme vor, in denen es ganz eigene Interpretationen auf das Jenseits gibt.

30.05.2019

Pater Alfons Friedrich während des Turmgesprächs mit MK-Chefredakteurin Susanne Hornberger
© Götzfried

Serie: Kirchturmgespräche Der Kirchturm als Leuchtturm

In unserer Serie besteigen wir mit interessanten Gesprächspartnern hohe Kirchtürme in München. Diesmal erklärt Salesianerpater Alfons Friedrich, was für ihn der Kirchturm von St. Wolfgang bedeutet und...

25.05.2019

Schwester Rosa Maria Dick und Karin Hammermaier beim Gespräch auf dem Kirchturm
© Kiderle

Serie: Kirchturmgespräche „Ich bin vom Leben infiziert“

In unserer Serie besteigen wir in den Wochen zwischen Ostern und Pfingsten mit interessanten Gesprächspartnern hohe Kirchtürme in München. Diesmal erklärt Schwester Rosa Maria Dick, wann und wo sie...

19.05.2019

© Ertl/SMB

Sommerrätsel der Münchner Kirchenzeitung Auf Giesings Höhen

Das Sommerrätsel der Münchner Kirchenzeitung fragt heuer nach Bergkirchen und -kapellen im Erzbistum. Das in Folge 3 gesuchte Gotteshaus befindet sich auf dem Giesinger Berg in München. Rätseln Sie...

22.07.2018

© privat

Papstbesuch vor zehn Jahren Ungezählte Konferenzen

Ein bayerischer Papst kommt nach Hause: Mit großer Freude ist der Besuch von Benedikt XVI. in seiner alten Heimat erwartet worden. Seit diesem Großereignis sind nun zehn Jahre vergangen. Warum er...

08.09.2016

Besinnung am Sonntagabend Zeit für mich

Immer mehr Menschen sind auf der Suche nach persönlichen spirituellen Impulsen. Die Gemeinde Heilig Kreuz hoch oben auf dem Giesinger Berg in München hat ein neues Konzept entwickelt, das auch...

11.03.2016

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren