Ein Selbstversuch Wenn der Geduldsfaden fast reißt

01.12.2019

Der Advent ist die Zeit des Wartens. Redakteurin Tamara Wenger hat eine Woche lang das Warten in ihrem Alltag dokumentiert. Dabei hat sie einiges über sich selbst gelernt.

Es gibt tagtäglich viele Situationen, in denen man zum Warten gezwungen ist. Manchmal werden dabei neue Blickwinkel eröffnet.
Es gibt tagtäglich viele Situationen, in denen man zum Warten gezwungen ist. Manchmal werden dabei neue Blickwinkel eröffnet. © imago

Wenn vielerorts die ersten Schneeflocken rieseln, der Glühweinduft einem schier überall in die Nase steigt, wenn die Vorfreude nicht nur in den Kinderaugen zu erahnen ist, dann ist er endlich da, der Advent. Die Zeit des besinnlichen Beisammenseins, des Nachdenkens, des Wartens auf die Geburt Christi. Doch wann und wo warten wir wirklich tagtäglich und wie fühlen wir uns in diesen Phasen, in denen unsere Geduld ein ums andere Mal auf die Probe gestellt wird? Ich habe selbst eine Arbeitswoche lang meine ganz persönlichen „Wartezeiten“ dokumentiert und dabei ein Stück weit mehr zu mir gefunden.

Montag: Wecker, Kaffee, Stau

Das Aufstehen fällt wie gewohnt heute besonders schwer. Der Wecker klingelt, ein verträumtes Gähnen folgt. Das erbarmungslose Geräusch ertönt ein zweites Mal. Gleich klingelt der Wecker ein drittes Mal und lässt sich nicht mehr aufhalten. Innerlich warte ich auf das endgültige Signal: Jetzt ist es Zeit aufzustehen. Ich habe es geschafft! Aus der warmen Bettdecke geschält, habe ich nun festen Boden unter den Füßen. Jetzt stehe ich vor der Kaffeemaschine und warte, bis das braune „Wachmach-Elexier“ fertig gebrüht ist.

Schließlich kann ich aufbrechen in Richtung meiner Arbeitsstätte. Gut 45 Kilometer lege ich dabei jeden Tag von meinem Wohnort bis zum Stachus per S-Bahn oder Auto zurück. Heute haben mein Mann und ich uns für das Auto entschieden: keine gute Idee. Der erste Stau folgt sogleich, bereits bevor wir die Autobahn in Richtung München erreichen. Warten, bis die Baustellenampel auf Grün umschaltet. Endlich geht es im Schneckentempo weiter. Eineinhalb Stunden später habe ich den Sankt Michaelsbund erreicht. Puh, meine Geduld wurde heute bereits früh am Tag stark auf die Probe gestellt.

Dienstag: „Die Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit“

Heute nehme ich bewusst die S-Bahn, um zur Arbeit zu gelangen. Dieses alternative Beförderungsmittel ist heute – wie so häufig – ein guter Gradmesser für die individuelle Coolness seiner Fahrgäste. „Die Weiterfahrt verzögert sich auf unbestimmte Zeit“: Welcher Pendler kennt diese unklaren und wenig ermutigenden Lautsprecherdurchsagen nicht. Da heißt es zunächst einmal, ruhig bleiben, vielleicht nochmal die neuesten Nachrichten auf dem Smartphone lesen und gedanklich die Termine des Tages sortieren. Noch ist genug Zeit, der Zug wird irgendwann den rettenden Bahnsteig erreichen, denke ich. Bei manch einem Passagier neben mir scheint der Geduldsfaden langsam, aber sicher zu reißen. Dann, ganz plötzlich, setzt sich der Zug in Bewegung, begleitet von einem Aufatmen meiner Mitfahrer. Ich komme verspätet am Münchner Stachus an.

Nach drei Stunden Arbeit knurrt der Magen ungemein. Heute bin ich in der Mittagspause mit einer alten Freundin verabredet. Die Verabredung rückt näher. Gott sein Dank, der Hungerpegel steigt immer weiter. Eine Viertelstunde muss ich noch warten. Endlich, 12.30 Uhr zeigt die Uhr auf meinem PC, und die lügt schließlich nie. Ich breche auf und warte am vereinbarten Treffpunkt. Mein Smartphone vibriert, eine Whats App-Nachricht von meiner Freundin ist eingegangen. Sie kommt eine Viertelstunde später. In meiner Zeit des Wartens vor dem Restaurant beobachte ich die an mir vorüberziehenden Menschen. Die einen hasten förmlich die Straße entlang, wahrscheinlich auf dem Weg zum nächsten Geschäftstermin, die anderen schlendern ganz entspannt im Gespräch mit ihrem Partner an mir vorbei oder werfen noch schnell einen Blick in das Schaufenster des angrenzenden Ladens. Dann ist sie endlich da, meine Freundin, meine Rettung.

Mittwoch: Leckerbissen

Als ich nach einem anstrengenden Arbeitstag zuhause ankomme, wartet ein lang ersehntes Päckchen mit den besten Leckereien für die Adventszeit, eine jährliche Gabe der Großeltern meines Mannes, vor der Tür. Wie lange habe ich darauf schon gewartet? Heute Abend lasse ich mir das erste Plätzchen schmecken.

Donnerstag: Wann bin ich endlich dran?

Das Wochenende ist in Sicht, bald hat das Warten ein Ende. Zuvor muss ich mich allerdings noch einem Termin beim Arzt unterziehen. Es gelingt mir, pünktlich zu meinem Termin an der Rezeption vorstellig zu werden. Mit mir harren etwa zehn Patienten im Wartezimmer aus. Mehrmals richtet sich mein Blick auf die Zeiger der Uhr an der Wand. Ein älterer Herr neben mir wird aufgerufen. Wann bin ich endlich dran? Eine halbe Stunde vergeht. Dann reißt mich ein „Frau Wenger, bitte“ ein wenig aus meinen Gedanken.

Freitag: Das Warten lohnt sich

Heute passieren wir die Allianzarena, die jedem Pendler aus dem nördlichen Umfeld der Stadt geradezu als Tor nach München erscheinen mag, ohne jegliches Stocken. Ein guter Tag – zumindest mit Blick auf die Straßen. Ich versuche, etwas früher nachhause zu kommen, da wir Besuch zum Nachmittagskaffee erwarten. Mit ein wenig Glück erwische ich den Zug rechtzeitig. Ohne langes Warten setzt der sich auch prompt in Bewegung. Am Zielbahnhof angekommen, lege ich die letzten Meter bis zur Haustür mit dem Auto zurück. Der Besuch, den meine Mama empfangen hat, erwartet mich mit offenen Armen. Wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen? Sicher eine gefühlte Ewigkeit.

Ein Wiedersehen, eine Begegnung, ein Päckchen mit liebevoll zusammengestelltem Inhalt – das Warten lohnt sich. Das wird wohl zu keiner anderen Zeit deutlicher als im Advent, wo wir der Geburt des Menschensohnes entgegenschauen.

Die Autorin
Tamara Wenger
Münchner Kirchenzeitung / Online-Redaktion
t.wenger@st-michaelsbund.de


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