Ein Pfarrer zur Instruktion der Kleruskongregation Wer leitet?

11.09.2020

Björn Wagner, Pfarrer in der Pfarrei Christi Himmelfahrt in München, bewertet die Vatikanische Instruktion zur Zukunft der Pfarreien. Lesen Sie, was er ihr abgewinnen kann und wo er Gesprächsbedarf sieht.

Hand einer Statue mit ausgestrecktem Zeigefinger
Pfarrer Björn Wagner zu den Instruktionen der Kleruskongregation aus Rom. © hd-design - stock.adobe.com

Dass gemeckert wird, ist nichts Neues: Pfarrer meckern über ihre Leute, die Leute über ihre Pfarrer, die Pfarrer neiden sich viel, reden über manch Fragwürdiges und die lieben Leute untereinander ebenso. Es ist immer viel los im katholischen Gottesvolk. Ist das Satireziel im Bürgerlichen gern das Beamtentum, so ist es im Kirchlichen die Pfarrertruppe. Wie man sich reine höhere Beamte wünscht, so wünscht man sich engelsgleiche leitende Pfarrer. Hat man eigentlich schon einmal die Staats- und Kirchendiener gefragt, welche Kunden die sich wünschen?

Vielleicht (und sogar wahrscheinlich) werden da auch viele Augen wohlwollend zugedrückt, wenn diese anrücken mit ihren Anliegen, akuten Wünschen und mitgebrachten Lebensumständen. Denn auch da ist nicht alles ideal oder so, wie man es sich von Gesetzes wegen oder aufgrund sittlicher Idee vorstellt, auch da ist nicht alles fehlerfrei, auch da hat man es weder mit Engeln noch mit reinen Seelen zu tun. Wir sind Menschen und bleiben Menschen – die Pfarrer und die Nicht-Pfarrer, die Beamten und die Nicht-Beamten. Schließlich kam Jesus, um Sünder zu rufen – umfänglich Gerechte, außer die Gottesmutter, gab und gibt es zu keiner Zeit. Wir Menschen sind uns da ziemlich ähnlich.

Klar beschriebene Aufgaben

Und nun, in Synodalen Zeiten, erdreistet sich Rom, aus eigenem Antrieb und ohne gefragt worden zu sein, ein Schreiben über die Pfarrei als missionarische Basisstation zu schreiben, und noch schlimmer: Die Pfarrer haben darin klar beschriebene Aufgaben. Kritisiert man nicht bei staatlichen Stellen gelegentlich, dass sich Beamte oftmals nicht zuständig wissen für dieses und jenes Problem, diese oder jene Frage? Meckert man nicht oft, dass zu vieles den Dienstweg gehen muss, was eigentlich schnell entschieden werden kann?

Ich verstehe als Pfarrer die Klage über den Dienst der Pfarrer nicht wirklich – vorausgesetzt, es handelt sich um offene und dialogische Charaktere, standesdünkelfreie und legere, theologisch wie allgemein gebildete. Denn die angestellten Vergleiche mit den Beamten begegnen mir oft: Werden konkrete Sachlagen zu lange diskutiert und nicht entschieden, vergeht die Lust am Gestalten und es steht im Raum, der Pfarrer sei zu lasch, entscheide nichts, lasse vieles einfach schleifen oder Zeit verstreichen. Werden Entscheidungen nach kürzerer oder effizienter Diskussion getroffen, wurden – und das ist häufig der Vorwurf – nicht alle eingebunden und der Pfarrer entscheide autokratisch, höre, wenn überhaupt, nur auf einige wenige Leute, die er halt mag, auf seinen Dunstkreis eben.

Es stimmt, dass Pfarrer selber für atmosphärische Störungen sorgen und Leute vor den Kopf stoßen – aber auch Pfarrer erfahren dies durch Nicht-Pfarrer. Kommunikation ist die bleibende zwischenmenschliche Herausforderung schlechthin.

Weltkirchlich im Blick

Und jetzt kommt von hoher Stelle aus dem fernen Rom (wie aus einer anderen Galaxie) eine Instruktion, die den Dienst des Pfarrers weltkirchlich in den Blick nimmt und dabei nicht alle anderen Pfarrei-Beteiligten gleichermaßen ausführlich berücksichtigt, die ebenso umfänglich zu würdigen seien: Die Reinigungskräfte, die Mesner, die Gremienvertreter, die Festausschüsse, die, die „nur“ Steuern zahlen, aber nicht mehr kommen, die weiblichen und männlichen Ministranten, die Organisten, einfach alle sonstigen auch nicht.

Nun, wieder ein Vergleich: Wenn sich beispielsweise eine Zeitschrift einer Maler-Innung vornimmt, ein Themenheft zur Trendfarbe 2020, nämlich Classic Blue, zu machen, dann wäre es verfehlt, in diesem Heft gleichzeitig über Magenta, Violett oder Grasgrün im gleichen Umfang zu schreiben. Das große Thema ist eine bestimmte Farbe, nicht die nahen Verwandten im Farbenspektrum, die natürlich immer in Beziehung miteinander stehen. Dafür könnte es Folgehefte geben. Alles zu seiner Zeit und dann thematisch klar zugeordnet.

Sakramentale, eucharistische und apostolische Struktur

Im erwähnten römischen Schreiben sind nun eben einmal die Pfarrer ein größerer Themenblock (nicht der alleinige) und deren Aufgaben. (Meine ehrliche Frage: Ist das so schlimm?) Es wird betont, dass die Sendung in die Leitung einer Pfarrei oder Seelsorge-Einheit eine sakramentale, eucharistische, apostolische Struktur hat: Leitung als Heiligungs- und Sammlungsauftrag, als Netzwerker-Job, Leitung durch Motivation vieler Personen zu gemeinnützlichen Aufgaben innerhalb der Pfarrei, Leitung durch Charismen-Förderung (auf Deutsch: Schauen, wer was kann und das dann auch für viele gewinnbringend eigenverantwortlich tut) und so weiter.

Wer heutzutage in unseren Breiten Leitung innehat, der ist intensiv geschult zuzuhören, der hört sich möglichst auch gegenteilige Ansichten an, der lässt sich beraten, der wägt ab, der sucht das Gespräch mit Menschen, die fachlich qualifiziert sind, aber nicht vom eigenen Fach sein müssen – und schließlich: Er entscheidet am Schluss – manchmal mit einem faden Beigeschmack, weil Entscheidungen enttäuschen oder nicht nachvollzogen werden können. Nicht immer kann es, zum Beispiel bei Personalsachen, Begründungen geben.

Macht Euch nahbar

Jetzt schließe ich den Kreis: Ich kenne viele Beamte und viele leitende Pfarrer; bei fast allen kann ich sagen, dass sie Menschen richtig gern haben, dass sie ihren Beruf nicht wählten, um andere zu ärgern. Die meisten haben einen großen Gemeinsinn und halten viel von der zu organisierenden Gemeinschaft (Kommune, Stadt, Staat oder Pfarreien, Diözesen) – sie leben, manche brennen dafür. Wer heutzutage leitender Pfarrer ist, der bejaht die Verantwortung des ganzen Gottesvolkes für die Kirche, aber auch die Verantwortung der christlichen Ärztin, der katholischen Investmentbankerin – kurzum: des Christenmenschen, der in der Welt mit seinen Aufgaben beschäftigt ist.

Das römische Schreiben sieht in den Pfarreien und Seelsorgeeinheiten (egal, welchen Zuschnitt sie haben) entscheidende Orte für den Aufbau christlicher Kultur und missionarischen Lebens. Kirche wird vor Ort in den Pfarreien als attraktiv oder langweilig erfahren, als missionarisch oder steckengeblieben. Hier liegt die Stärke dieses Papiers: „Denkt Kirche, wenn Ihr es so nennen wollt, von unten, macht Euch nahbar und lebt den Glauben der katholischen Kirche an Christus überzeugend! Ihr und Eure Pfarrer, Ihr sollt eine Einheit sein. Haltet zusammen, Ihr braucht Euch gegenseitig!“

Miteinander reden und aufeinander hören

Ich sage es zum Schluss offen: Ich habe als Pfarrer nichts gegen dieses Schreiben aus Rom, ich verstehe die Empörung nicht – vielleicht auch, obwohl und vielleicht gerade, weil ich es gründlich las und mich in meinen Herausforderungen gelegentlich sehr verstanden fühlte. Aber so gut es ist, dass es eine Kongregation für den Klerus gibt, die kompetente Mitarbeiter aus allen Weltteilen hat, so gut wäre es auch, eine Kongregation für die Laien zu haben, damit bald ein Schreiben über die missionarische Basisstation Pfarrei ergeht, in dem über den Auftrag und die Vollmachten der Laien im dritten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts offen nachgedacht und ein Weiterdenken möglich wird.

Und: Wir sollten reden miteinander und aufeinander hören, damit wir wenigstens die Argumentationen, auch wenn sie nicht unsere sind, nachvollziehen können. Die Neigung, vieles in der Kirche mit weltlichen Machtverteilungsstrategien zu regeln, ist nicht förderlich. Kein Pfarrer sitzt täglich stundenlang am Entscheidungsknopf oder denkt sich klerikale Gemeinheiten aus; vielfach ist sein Dienst oftmals ein stiller, unsichtbarer, verschwiegener, organisatorischer, auch langweiliger. Es gibt Laien wie Pfarrer, die sich herschenken, für die die Pfarrei alles bedeutet. Es gilt aber auch, dass niemand zu kurz kommen soll in seinen Entfaltungsmöglichkeiten. Gerechtigkeit ist ein hohes Gut.

Jesus hat nicht alle gleich behandelt, sondern entsprechend den Fähigkeiten adäquat, das heißt gerecht zugeteilt. Dieses Kriterium bleibt, denn die Werke der Gerechtigkeit schaffen Frieden und Zufriedenheit, Effizienz und Erfolgsgefühle – in der weltlichen Welt wie in der kirchlichen Welt. (Björn Wagner ist Leiter der Pfarrei Christi Himmelfahrt München und des Pfarrverbands Trudering.)


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