Katastrophale Arbeitsbedingungen „Wichtig ist ein Umdenken“

03.05.2021

Damit wir mit Smartphones, Laptops und Co. ausgestattet sind, gefährden Menschen in Afrika, Mittel- und Südamerika sowie Südostasien ihr Leben. Der Münchner Missio-Präsident Monsignore Wolfgang Huber im Gespräch.

Zwei Männer beim Goldabbau in Tansania
Die Rohmaterialien in elektronischen Geräten werden teils unter gefährlichen Arbeitsumständen abgebaut. © IMAGO / Joerg Boethling

mk online: Monsignore Huber, für unsere modernen Elektrogeräte müssen täglich Menschen unter unwürdigsten Bedingungen arbeiten. Kann man vor diesem Hintergrund eigentlich noch guten Gewissens zum Smartphone greifen?

Monsignore Wolfgang Huber: Ich denke, es führt uns in dieser Frage nicht weiter, moralisierend zu argumentieren. Das Smartphone ist aus unserem Alltag nicht mehr leicht wegzudenken und es kann auch äußerst hilfreich sein. Deshalb scheint es mir wichtig, sich immer vor Augen zu führen, dass die dafür notwendigen Rohstoffe meistens unter katastrophalen Bedingungen abgebaut werden.

Man sollte sich immer zwei Dinge ins Bewusstsein rufen: Erstens: Wie gehen wir mit den nicht unendlich vorhandenen Rohstoffen dieses „einen Hauses unserer Erde“ um? Und zweitens: Wie können die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Menschen nicht unter unwürdigen Bedingungen für diese Arbeiten ausgenutzt werden?

Praktisch könnte das für uns heißen: Sein Handy so lange wie möglich benutzen und es im Anschluss recyceln lassen – zum Beispiel über unsere Missio-Handy-Spendenaktion. Die Rohstoffmenge in jedem einzelnen Gerät mag klein erscheinen, aber bei fast 200 Millionen ausgedienten Handys, die Schätzungen zufolge ungenutzt allein in deutschen Schubladen herumliegen, sind das allein rund 6.000 Kilogramm Gold. Wir sorgen dafür, dass die wertvollen Ressourcen wiederverwendet werden. Die Einnahmen fließen zum Beispiel in Schulen in Burkina Faso oder in Traumazentren für Bürgerkriegsopfer in der Demokratischen Republik Kongo. Eine weitere wichtige Komponente ist es auch, die Bereitschaft zu entwickeln, einen fairen Preis zu bezahlen. Das Lieferkettengesetz kann dazu auch ein Impuls in die richtige Richtung sein.

Inwiefern ist die Situation des Rohstoffabbaus für unsere technischen Geräte so problematisch?

Monsignore Huber: In vielen afrikanischen Ländern suchen aus der Not heraus ganze Familien illegal nach wertvollen Rohstoffen wie etwa Gold. Die Männer graben 20 bis 30 Meter tiefe, kaum gesicherte Stollen in die Erde und betäuben sich dabei mit Alkohol. Doch auch die Kinder müssen in die schmalen Stollen oder sie fächern Luft in die Minen. Ein Teufelskreis, denn ohne Bildung bleibt ihnen die Chance auf ein anderes Leben verwehrt. Der Verdienst ist minimal. Daneben gibt es professionell betriebene Minen, bei denen häufig ausländische Firmen den Profit abschöpfen, ohne für Menschen und Umwelt Sorge zu tragen – und die Gesundheits- und Umweltschäden sind immens. Problematisch ist auch, dass bewaffnete Milizen Bodenschätze nutzen, um sich zu finanzieren.

In welchen Ländern ist die Situation des illegalen Rohstoffabbaus besonders dramatisch?

Monsignore Huber: Es sind Länder in Afrika, Mittel- oder Südamerika und Südostasien betroffen. Dramatisch ist die Lage auf jeden Fall im Kongo, wo unter anderem Gold, Coltan und Kobalt illegal abgebaut werden – oft unter der Kontrolle kriegerischer Milizen. Mit den Einnahmen kaufen sie Waffen und treiben weitere Familien in die Flucht und damit in die Armut. Zu nennen sind auch Madagaskar und Burkina Faso. In Burkina Faso sind inzwischen 40 Prozent der Goldgräber zwischen fünf und 17 Jahre alt. Ich habe diese dramatische Situation selbst in einem Camp in Burkina Faso erlebt. Und da ist es gut zu sehen, wie sich vor allem Seelsorgerinnen und Seelsorger einsetzen, um solchen Entwicklungen entgegenzuwirken. Sie begleiten die jungen Menschen pastoral und verhelfen ihnen zu Bildung, damit sie ein eigenständiges Leben entwickeln können.

Missio München begleitet nun schon seit Jahren Projekte, in denen für eine Verbesserung der Situation gekämpft wird. Können Sie insgesamt eine positive Entwicklung vor Ort feststellen?

Monsignore Huber: In den vergangenen Jahren hat sich etwas bewegt. International wird häufiger ein Nachweis über die Abbaubedingungen verlangt. Klagen gegen internationale Konzerne gingen zugunsten der Opfer aus, so etwas macht langfristig Schule. Die Frage ist allerdings immer, ob Standards wirklich wie angegeben umgesetzt und kontrolliert werden. Insgesamt ist die Lage noch immer prekär.

Immer mehr Firmen verlangen Nachweise über die Lieferketten und die Arbeitsbedingungen vor Ort. Können so die unmenschlichen Dynamiken unterbunden werden?

Monsignore Huber: Grundsätzlich ist dies ein richtiger und wichtiger Ansatz, aber wir sind noch nicht weit gekommen. Das von der Bundesregierung geplante Lieferkettengesetz ist allenfalls ein erster Schritt, da Unternehmen bei Lieferanten erst bei „substantiierten Kenntnissen“ über potenzielle Menschenrechtsverletzungen tätig werden müssen. Es fehlt noch der wirkliche Wille, etwas zu ändern, leider auch bei vielen Verbrauchern.

Unsere Kaufentscheidungen bestimmen über die Lebensbedingungen anderer Menschen. Wie können wir unser Konsumverhalten so gestalten, dass es der Ausbeutung entgegenwirkt?

Monsignore Huber: Jeder kann darauf achten, möglichst fair gehandelte Ware zu kaufen – freilich entsprechend den finanziellen Möglichkeiten. Das fängt im Supermarkt an, darüber hinaus gibt es noch umfassendere Modelle: In unserem Missio-Shop etwa verkaufen wir nicht nur Produkte unserer Partner, unser Gewinn fließt auch in ihre Projekte, die der Selbsthilfe dienen. Wichtig ist ein Umdenken: Weg von der Vielfalt billiger Produkte mit kurzer Haltbarkeit, hin zu langlebiger Ware, die dann auch ein bisschen teurer sein darf, um den Menschen dahinter einen angemessenen Verdienst zu ermöglichen.


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