Corona-Pandemie Wie der Papst mit der Isolation umgeht

09.04.2020

Was das vatikanische Protokoll nicht vermochte, hat Corona geschafft: Franziskus zu isolieren. Das belastet ihn zunehmend.

Papst Franziskus im Regen auf dem Petersplatz
Franziskus: "Das Volk Gottes braucht seinen Hirten nah bei sich, ohne dass der sich übertrieben schützt." © ULMER Pressebildagentur

Vatikanstadt – Er würde krank werden, wenn er dort so allein leben müsste, hatte Franziskus einmal auf die Frage eines Kindes geantwortet, das wissen wollte, warum der neue Papst aus Argentinien nicht wie seine Vorgänger im Apostolischen Palast wohnt, sondern im Gästehaus Santa Marta. Jorge Bergoglio braucht Menschen um sich wie die Luft zum Atmen, sie beleben ihn. Dieser Papst blüht förmlich auf, sobald er in Pfarreien kommt, Menschen begegnet, sich mit ihnen unterhält.

Doch seit vier Wochen ist Franziskus auch in Santa Marta weitgehend isoliert. Im vatikanischen Gästehaus gibt es keine Gäste mehr. Die verbliebenen Bewohner essen zwei Schichten, der Papst allein. Die Bewohner bleiben weitgehend auf ihren Zimmern; man geht sich aus dem Weg - wie überall.

Es gibt keine Müßiggänger

In dieser Zeit versuche er, an andere Menschen zu denken. "Das beruhigt mich, tut mir gut und befreit mich von der Sorge um mich selbst", gesteht Franziskus in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview mit zwei englischsprachigen Magazinen. Ansonsten bete er viel. Mehr als sonst, "weil ich spüre, dass ich das brauche". "Dienstags kommt mein Beichtvater, dann kläre ich diese Dinge", erzählt der Papst. Denn natürlich habe auch er seine Egoismen.

Gleichzeitig beruhigt er etwaige Zweifler: Im Vatikan werde weiter gearbeitet, in Schichten. "Jeder arbeitet hier, es gibt keine Müßiggänger", versichert das Kirchenoberhaupt. Etwa jeden zweiten Tag vermeldet das Presseamt, mit welchem leitenden Kurienmitarbeiter sich Franziskus bespricht. Wie gut die ohnehin schleppende innervatikanische Kommunikation in der Krise sonst funktioniert, bleibt offen.

Die Nähe des Hirten zum Volk

Darüber hinaus, so Franziskus, bewege ihn die Frage: "Was wird mein Dienst als Bischof von Rom, als Oberhaupt der Kirche sein, in der Zeit danach?" Seine größte Sorge sei es, den Menschen nahe zu sein. Wie unmittelbar und direkt diese Nähe für ihn idealerweise ist, erläutert er anhand einer literarischen Szene.

Im Buch "Die Verlobten" von Alessandro Manzoni wird geschildert, wie in den Zeiten der Pest in Mailand der an sich engagierte Kardinal Federigo Borromeo ein Dorf besucht, dabei aber die Fenster seiner Kutsche geschlossen hält, um sich zu schützen. "Das kam bei den Menschen nicht gut an", kommentiert Franziskus im Interview. "Das Volk Gottes braucht seinen Hirten nah bei sich, ohne dass der sich übertrieben schützt."

Beten am Pestkreuz

Vermutlich würde Franziskus am liebsten seinen Almosenmeister, Kardinal Konrad Krajewski, bei dessen abendlichen Einsätzen begleiten, wenn der päpstliche Sozialbeauftragte mit seinem Team Obdachlose in der Stadt besucht, um ihnen Essen, Schutzausrüstung und Kleidung zu bringen. Was aber der Erzbischof Bergoglio in Buenos Aires konnte, kann Papst Franziskus in Rom nicht.

So ließ er sich vor zwei Wochen zumindest durch Roms fast menschenleere Straßen zur Kirche Santa Maria Maggiore fahren, um vor der bei den Römern beliebten Ikone "Salus Populi Romani" zu beten. Anschließend pilgerte der Papst auf der normalerweise überfüllten Einkaufsstraße Via del Corso zur Kirche San Marcello. Dort bat er vor einem Pestkreuz aus dem 16. Jahrhundert Gott darum, die Pandemie abzuwenden.

Alleine im Regen

Wenn er schon nicht unter Menschen sein kann, will Franziskus ihnen wenigstens seine Nähe zeigen, indem er sichtbar für sie betet. Dafür muss sich Franziskus mit den Medien arrangieren, die ihm noch immer nicht ganz geheuer sind. Deshalb das Live-Streaming der Frühmesse um sieben Uhr, deshalb seine Video-Ansprachen wie jene an die eingesperrten Familien in Italien; deshalb das Gebet und der Segen Ende März auf dem Petersplatz.

Seine Predigt dort, sein Beten, sein außergewöhnlicher "Urbi et orbi"-Segen mit dem Allerheiligsten auf dem abendlichen leeren Petersplatz im Regen werden sicher als eine der eindrücklichsten Gesten dieses Pontifikats in Erinnerung bleiben. Bei all seinen Auftritten wirkt Franziskus müder als sonst; er spricht leiser, sein Blick sucht Menschen und findet Kameraobjektive. Auf das Coronavirus wurde Franziskus negativ getestet. Das Virus der Einsamkeit scheint ihm aber zuzusetzen. (kna)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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