Antisemitismus Wie es ist in München eine Kippa zu tragen

07.06.2019

Terry Swartzberg trägt seit Dezember 2012 öffentlich die Kippa. Er besitzt 80 verschiedene Varianten. Darunter ist auch das ein oder andere ausgefallenere Modell.

Terry Swartzberg mit 30 seiner Kippot.
Terry Swartzberg mit 30 seiner Kippot. © Riffert

München – Heute trägt Terry Swartzberg eine bunte Kippa, die hervorragend zu seinem ebenfalls bunten Hemd passt. „Meine Kippot werden immer bunter, und ich trage sie alle gerne“, erklärt Swartzberg, als er eine Schachtel mit etwa 30 Kippot, so der hebräische Plural von Kippa, bringt und seine aktuellen Lieblingsstücke ausbreitet. Terry Swartzberg ist liberaler Jude, der seit 1985 in München lebt. Der ehemalige Journalist schrieb 25 Jahre lang für die International Herald Tribune. Nun begleitet er mit seiner Agentur Swartzberg GmbH unter anderem gemeinnützige Kampagnen, etwa für sauberes Wasser im Südsudan. Swartzberg trägt seit 1. Dezember 2012 konsequent auch in der Öffentlichkeit eine Kippa, 80 verschiedene hat er mittlerweile gesammelt. Darunter sind traditionelle Kippot in schwarz oder weiß-blau mit Davidstern. Daneben gibt es gehäkelte Modelle, solche mit Perlmuttstickerei, bunte mit zarten Ornamenten, moderne mit kräftiger Farbgebung und eine Kippa ist sogar einem Lederfußball nachempfunden.

Positive Rückmeldungen

„Ich liebe meine Kippot und ich trage sie auch alle“, strahlt Terry Swartzberg und bekräftigt, dass er in Deutschland noch nie schlechte Erfahrungen mit dem Tragen der Kopfbedeckung des jüdischen Mannes machen musste. Er werde oft darauf angesprochen und erhalte viele positive Rückmeldungen dazu, auch von Muslimen. Terry Swartzberg ist der Dialog mit ganz unterschiedlichen Menschen wichtig und die Begegnung mit verschiedenen Religionen ist selbstverständlich für ihn. Das mag mit seiner Biografie zu tun haben. Swartzberg wurde in Connecticut in den USA geboren, wuchs in New York und in Bihar/Indien auf, wo er eine Jesuitenschule besuchte. Später studierte an der Brandeis-Universität in Massachusetts, in Paris und an der University of Wisconsin-Madison. Als Journalist sollte er unter anderem in Hong Kong, Berlin und München arbeiten. Dieser Lebenslauf prägt. Aber Terry Swartzbergs offene und freundliche Persönlichkeit verleiht ihm ein zusätzliches Charisma.

Kippa

Die Kippa ist eine kleine kreisförmige Kopfbedeckung. Männliche Juden tragen sie beim Gebet, an Gebetsorten wie Synagogen und jüdischen Friedhöfen, teils auch im Alltag. Weder aus der Bibel noch aus den jüdischen Gesetzbüchern ergibt sich ein Gebot für Männer, den Kopf beim Beten zu bedecken. Die Kippa verbreitete sich seit dem 16. Jahrhundert und soll signalisieren, dass ihr Träger sich an die Gegenwart Gottes erinnert. Üblich ist sie in Synagogen ab dem dritten Geburtstag eines Jungen. (kna)

Den Rat des Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, wonach Juden in Deutschland nicht „jederzeit und überall die Kippa tragen“ sollten, kann Terry Swartzberg nicht nachvollziehen. Im Gegenteil: „Ich war niedergeschlagen, als ich das gehört habe“, bekennt er. „Die Äußerung war kontraproduktiv und gibt nicht die Realität in Deutschland wieder.“ Es gebe wieder ein blühendes jüdisches Leben hier zu Lande mit insgesamt 165 jüdischen Gemeinden – von orthodox bis liberal. „Ich kenne auch orthodoxe Juden, die in Deutschland Kippa tragen und damit noch nie schlechte Erfahrungen gemacht haben“, betont Terry Swartzberg. Er wünscht sich, dass mehr Juden Kippa tragen, damit sie als Juden sichtbar werden. Dazu hat er in einem offenen Brief an die Jüdinnen und Juden in Deutschland aufgerufen. Dort schreibt er auch: „Ich bin Jude, lebe angstfrei als solcher in Deutschland – und zwar mit Kippa. Ich bin Jude, und lehne es ab, ein ängstliches Opfer zu sein. Wir leben in einer neuen Zeit. Die Opferrolle ist Vergangenheit.“

 

Andreas Renz ist katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in München.
Andreas Renz ist katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in München. © Riffert

Es geht um die Freiheit

Andreas Renz ist seit November 2018 katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in München. Der Theologe und Religionswissenschaftler, der im Erzbischöflichen Ordinariat München den Fachbereich Dialog der Religionen leitet, kennt viele Juden und ist mit einigen auch gut befreundet. Nach seiner Erfahrung treibt es Jüdinnen und Juden in Deutschland derzeit um, dass der Antisemitismus zunimmt. „Da geht es nicht nur um das Tragen der Kippa. Manche meiner jüdischen Freunde tragen sie zwar, setzen aber eine andere Kopfbedeckung darüber, damit man sie nicht sieht.“

Einige haben nach seiner Wahrnehmung Angst, denn viele von ihnen hätten auch schon beleidigende E-Mails oder Drohbriefe bekommen. „Auch wir im Ordinariat bekommen regelmäßig solche Briefe, wenn sich Kardinal Marx zum Judentum äußert“, erklärt Andreas Renz. Menschen mit rechter Gesinnung, die es wohl immer gegeben habe, agierten nun offener. Briefe würden häufiger sogar mit voller Namensnennung geschrieben, was sich die Absender früher nicht getraut hätten. Andreas Renz setzt hier auf eine ganz eindeutige Position: „Es ist wichtig, nicht zu schweigen, wenn man Zeuge von Antisemitismus wird. Es geht letztlich um die Freiheit in unserer Gesellschaft. Wenn es nicht mehr möglich ist, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen, ein Kopftuch oder auch ein Kreuz, dann ist unsere Freiheit bedroht.“ Hier müsse man sich ganz klar zum Recht auf Religionsfreiheit bekennen. Dieses sei schließlich ein Menschenrecht. (Gabriele Riffert)


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