Weltfrauentag Wie kommen Frauen an den Hebel der Macht?

08.03.2021

Für Frauen gestaltet sich der Weg nach oben immer noch schwieriger als für Männer. Das muss sich ändern. Bettina Bäumlisberger ist Pressesprecherin der Münchner Caritas und hat konkrete Vorschläge.

Frau steigt Treppe hinauf
Für Frauen gestaltet sich der Weg nach oben immer noch schwieriger als für Männer. © Mariia Nazarova-stock.adobe.com

München – Rechtzeitig zum Internationalen Frauentag am 8. März 2021 gibt es gute Nachrichten: Mit Beate Gilles wählte die Deutsche Bischofskonferenz erstmals in ihrer Geschichte eine Generalsekretärin. Selbst der Militärische Abschirmdienst (MAD) kann seit Kurzem mit einer Frau in der Top-Position aufwarten. Und wir haben in Deutschland eine Bundeskanzlerin und zwei Ministerpräsidentinnen.
Also alles in Butter in Sachen Gleichberechtigung? Nein, leider gar nicht. Frauen dürfen meist dann das Ruder übernehmen, wenn Männer Schiffbruch befürchten. Angela Merkel beerbte Helmut Kohl im Parteivorsitz infolge der CDU-Spendenaffäre. MAD-Präsidentin Martina Rosenberg soll nun endlich den Rechtsextremismus in der Bundeswehr bekämpfen. Und Beate Gilles? Ist möglicherweise die Antwort der Bischöfe auf die wachsende katholische Frauenbewegung Maria 2.0.

Pandemie verstärkt Trend

Nicht weit her ist es mit der Gleichberechtigung in der Politik – trotz Kanzlerin. Ein Abbild der Gesellschaft sollen Parlamente sein. Doch der Bundestag gibt eher ein Zerrbild dieser Gesellschaft ab: Nicht mal jedes dritte Bundestagsmandat ging an eine Frau (31,5 Prozent). In der Politik scheint die Hälfte der Bevölkerung eine Randgruppe zu sein. Wie sieht es in der Wirtschaft aus, in Verbänden, im Top-Management? Weitgehende Monokultur herrscht auch in den Vorstandsetagen. Die Pandemie verstärkt diesen Trend, so die renommierte AllBright-Stiftung. Die Mütter stecken zurück, reduzieren ihre Arbeitszeit und jonglieren zwischen Homeoffice und Homeschooling. Während in anderen westlichen Industrieländern die Vorstände deutlich weiblicher werden, heißt es hier: „Man setzt auf Männer.“ So beträgt der Frauenanteil bei den 30 DAX-Konzernen schlappe 12,8 Prozent, die Zahl der DAX-Aktiengesellschaften ganz ohne Frau im Vorstand verdoppelte sich seit Herbst 2019 nahezu von sechs auf elf. Rolle rückwärts also im Top-Management deutscher Spitzenunternehmen.

Frauen müssen Netzwerke gründen

Dabei gibt es genug qualifizierte Frauen. Seit Jahren schreibt das vermeintlich so schwache Geschlecht die besseren Abiturnoten, legt die besseren Examina hin, beherrscht new skills (neue Fähigkeiten), ist kommunikativ, organisiert, feinfühlig – und stößt dennoch an die viel zitierte gläserne Decke. Was also tun, damit Frauen mehr partizipieren und an die Hebel der Macht kommen?

Erstens: Vernetzen. Männer fördern Männer. Deshalb müssen Frauen eigene Netzwerke gründen, sich gegenseitig unterstützen, fördern und, ja, sich auch männliche Mentoren suchen. Denn Frauenrechte sind auch Männersache. Kluge Männer wissen längst: Firmen müssen ihre Kultur ändern, wollen sie nicht aus der Zeit und aus der Erfolgsspur fallen. Etliche Studien beweisen, dass Teams erfolgreicher sind, wenn sie mit Männern und Frauen besetzt sind.

Macht schafft Einfluss

Zweitens: Traut euch! Frauen sind prädestiniert für Verantwortung und damit für Macht. Und Macht schafft Einfluss, um Dinge zu verändern. Frauen müssen Selbstzweifel ablegen, gebotene Chancen annehmen und die Welt erobern, mindestens die Hälfte davon.

Drittens: Arbeit neu bewerten und umverteilen. Die Corona-Krise hat offenbart, dass Frauen in vielen systemrelevanten Berufen arbeiten und trotzdem oft schlecht bezahlt werden.  Nicht nur Care-Arbeit muss besser honoriert werden. Auch die Berufs- und Fürsorgearbeit muss gerechter zwischen Müttern und Vätern geteilt werden. Frauen und Männer haben die gleichen Berufs- und Lebenspläne. Aber Frauen arbeiten ganz überwiegend in Teilzeit und tragen die negativen Folgen. Sie sind es, deren finanzielle Situation oft prekär ist und die Angst vor Altersarmut haben.

„Wir brauchen die Frauenquote!“

Viertens: Quote. Seit Jahrzehnten setzt die Politik auf die Freiwilligkeit der Unternehmen. Ergebnis: Null. Als junge Frau dachte ich, Qualifikation, Mut, Engagement reichen aus. Stimmt leider nicht. Vorgesetzte sagten mir: „Eine Frau als Ressortleiterin geht gar nicht.“ Junge Mütter, die um eine Vier-Tage-Woche baten, wurden mit „ganz oder gar nicht“ abgewiesen. Als ich 1997 die Kindertagesstätte „Burda-Bande“ gegründet habe, wurde ich von Leserinnen als Rabenmutter verunglimpft. Das Kind der Rabenmutter studiert heute Medizin.

Heute, mit 40 Jahren Berufs- und 60 Jahren Lebenserfahrung, sage ich: Wir brauchen die Frauenquote! Als Gegengewicht zur ungeschriebenen Männerquote, bei der es übrigens nicht um Leistung geht. Das belegen zahlreiche Skandale von Diesel-Affäre über ADAC-Manipulationen bis hin zum Wirecard-Betrug. In allen Fällen waren Männer am Ruder.

Applaus bekommen immer noch die Männer

Gleichberechtigung ist ein mühsames Geschäft. Die alten Denkmuster prägen die Personalabteilungen. Klischees, wie eine Frau zu sein hat, kleben lange. Die gleichen Merkmale werden unterschiedlich bewertet: Ein Mann ist energisch, die Frau hysterisch. Ein Mann ist konsequent und durchsetzungsstark, die Frau zickig. Ein Vollzeit arbeitender Vater ist ein tüchtiger Mann, die Vollzeit arbeitende Frau eine Rabenmutter. Keine lapidare Aufzählung, sondern alles erlebt. Auch dass Frauen inhaltsbezogener arbeiten. Sie sind fleißig und uneitel, brauchen nicht die große Welle, bevor sie einen Raum betreten. Weniger Show, mehr Ergebnis. Doch den Applaus bekommen die Männer. Noch immer. (Bettina Bäumlisberger, Pressesprecherin des Diözesan-Caritasverbands und Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Frauen und Kirche

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