Allein wegen Corona Wie kommt man in Corona-Zeiten mit sich selbst klar?

08.02.2021

Lockdown, Home-Office, Kontaktbeschränkungen - In der Zeit der Pandemie ist man auf sich selbst zurückgeworfen. Berater und Seelsorger Walter Lübbe gibt Tipps für einen Umgang damit.

Frau allein am Sofa
Vielen Menschen machen der wochenlange Lockdown, Home-Office und der Verzicht auf soziale Kontakte derzeit schwer zu schaffen. © leszekglasner - stock.adobe.com

Vor wenigen Tagen landete der Newsletter eines Home & Living-Portals in meinem virtuellen Postfach. Er war übertitelt „Sie wollen es doch auch! Entertainment & Ablenkung für langweilige Abende“. Das angebotene „Entertainment“ bestand unter anderem aus Puzzles, Strick- und Webe-Equipment sowie Anleitungen zur Herstellung von Kerzen. Sind wir nach inzwischen drei Monaten im zweiten Lockdown so weit, dass wir uns Ideen liefern lassen müssen, wie wir unsere Abende gestalten können?

„Im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 ging es mir deutlich besser. Es war eine neue, interessante Situation und ein legitimiertes Innehalten. Da war es für mich klar, die Regeln einzuhalten“, erzählt Ulrike Dasenbrock. Die 52-jährige Projektmanagerin in der Automobilbranche ist alleinstehend. Mit dem zweiten Lockdown hat sie wesentlich mehr Probleme: „Mit der Tatsache, dass diese Situation immer wieder verlängert wird und wir von den Politkern nur scheibchenweise Infos bekommen, komme ich schlecht klar. Die Hoffnung, dass sich dieser Zustand bald erledigt, habe ich ad acta gelegt. Diese Unsicherheit ist schwer erträglich. Mir macht es auch große Sorgen, wie es in unserem Land wirtschaftlich und gesellschaftlich weitergehen soll.“

Menschen sind soziale Wesen

Dasenbrock ist seit vielen Wochen im Home-Office. Da sie in ihrer Wohnung kein Arbeitszimmer hat, arbeitet sie am Küchentisch, an dem sie auch isst. Die Trennung von Job und Privatleben ist da schwierig. Hinzu kommt die Tatsache, dass ihre sozialen Kontakte extrem reduziert sind. Der Austausch mit Kollegen erfolgt virtuell. Das Treffen mit Freunden ist beschränkt auf eine Person, und am Abend, wenn Ulrike Zeit hätte, ist Ausgangssperre. So wie ihr geht es inzwischen vielen Menschen, vor allem Alleinstehenden.

In dieser Situation zeigt sich einmal mehr, dass wir soziale Wesen und auf den persönlichen Austausch mit anderen angewiesen sind. Und sei es nur der Smalltalk auf dem Büroflur oder das Plaudern übers Wetter mit der Nachbarschaft. „Wir Menschen ziehen Kraft aus sozialen Kontakten, aus Erlebnissen, aus Feiern. Das ist auf lange Zeit nicht möglich. Unser Bewegungsradius ist eingeschränkt. Wir leiden unter diesen Defiziten“, berichtet der psychologische Berater und Seelsorger Walter Lübbe.

Viele Menschen machen sich Sorgen um ihre wirtschaftliche Situation, ihren Job, aber auch um andere. „Man sollte die Ängste annehmen und nicht mit sich hadern. Das zeigt unsere Bedürftigkeit und macht uns deutlich, wie wichtig soziale Kontakte und kulturelle Impulse für uns alle sind. Wenn möglich, sollte man sich mit anderen darüber austauschen“, betont Lübbe. Man muss Gelegenheiten zum Austausch suchen, dabei kreativ sein und neue Wege gehen. Das regelmäßige Treffen mit Freunden von Lübbe findet jetzt online statt. Die Teilnehmer freuen sich auf diesen fixen Termin und stellten fest, dass in dieser Situation eine neue Offenheit entstanden ist.

Neue Rituale geben Struktur

Sich eine feste Tagesstruktur zu schaffen und in jeden Tag einen kleinen Höhepunkt zu integrieren, auf den man sich freuen kann, ist ganz wichtig in diesen Zeiten. Das kann ein Video-Call am Abend mit Freunden sein, ein kleiner Spaziergang, der Cappuccino, den man sich in der Bäckerei um die Ecke holt, Sport an der frischen Luft oder eine handwerkliche Tätigkeit. Dasenbrock hat tatsächlich auch das Puzzeln für sich neu entdeckt und das Handarbeiten. Den Morgen beginnt sie mit einer Online-Meditation.

Der bewusste, positive Start in den Tag hilft, die folgenden Stunden gut zu meistern. Wichtig ist ein geregelter Tagesablauf mit gewissen Fixpunkten, beispielsweise regelmäßigen Essenzeiten oder kurzen Spaziergängen. Wesentlich ist auch ein Ritual zum Tagesabschluss, unter anderem, um gerade im Home-Office Arbeits- und Freizeitphasen klar voneinander zu trennen. Das kann zum Beispiel eine Runde joggen sein, eine inspirierende Lektüre, Musik, eine Meditation.

Dasenbrock hat mit ihrem Freundeskreis ein neues Ritual installiert: Weinproben, die früher regelmäßig reihum stattfanden werden jetzt virtuell durchgeführt. Eine Freundin kauft die entsprechenden Weine ein und stellt sie den anderen vor die Tür. Verkostet wird online, und das Positive daran ist: Es darf dann auch mal ein Gläschen mehr sein, denn niemand muss mit dem Auto nach Hause fahren. (Dr. Petra Altmann, freie Mitarbeiterin der Münchner Kirchenzeitung, Buchautorin und Journalistin mit einer Ausbildung in Logotherapie & Existenzanalyse)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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