Ein Hauch vom Jenseits Wie Nahtoderfahrungen das Leben verändern

05.02.2019

Es gibt Menschen, die nach einer Nahtoderfahrung die Angst vor dem Tod verloren haben. Zwei Frauen beschreiben ihre Erlebnisse und warum sie Jahrzehnte nicht darüber sprechen konnten.

Die Künstlerin Jana Hermann in ihrem Atelier
Die Künstlerin Jana Hermann in ihrem Atelier © SMB/Fleischmann

München – Es gibt Menschen, die der festen Überzeugung sind, das Jenseits gesehen zu haben, als sie aus einer lebensbedrohlichen Situation wieder ins Leben zurückfanden. Nahtoderfahrungen (NTE) sind so alt wie die Menschheit. Man findet Zeugnisse davon in jeder Epoche, Kultur oder Region. Trotzdem ist der Umgang damit schwierig. Betroffene fühlen sich oft unverstanden und für verrückt erklärt. Zwei Frauen aus Bayern schildern ihre Erlebnisse, wieso sie Jahrzehnte nicht darüber sprachen, und warum sie die Angst vor dem Tod verloren haben.

Das Licht ohne Schatten

Es ist das Gefühl von Geborgenheit und allumfassender Liebe, das die meisten Betroffenen ihrer eigenen Aussage nach erfahren. Jana Hermann hat das erlebt, auch wenn der Umstand tragisch war. „Ich war schwanger und das Kind kam zu früh“, erzählt die Künstlerin in ihrem Atelier in Ingolstadt, „bei der Geburt verlor ich das Bewusstsein und sah mich plötzlich von oben. Ich sah aus dem Körper meines totgeborenen Kindes eine Wolke aufsteigen, die mich in den Himmel mitnahm.“ Dort angelangt sieht Jana Hermann ihre Großmutter, die ihr Kind aufnimmt und im Licht verschwindet.

„Ich habe mich nie so geliebt gefühlt, das kann man gar nicht in Worte fassen“, sagt Jana Hermann, „Überall war goldenes Gras und ein Licht, das keine Schatten warf.“ Kurz darauf kommt sie wieder zu sich. Sie wird Jahrzehnte nicht über diesen Vorfall reden. Zu schmerzlich die Trauer über den Verlust des Kindes, zu eindrücklich die Erfahrung. Sie bringt zwei weitere Kinder zur Welt, die heute erwachsen sind. Sie denkt, dass sie ihre Erlebnisse erfolgreich verdrängt hat. „2011 bin ich dann aber zusammengebrochen, weil sich das Trauma bemerkbar gemacht hat“, sagt Hermann, „ich musste in stationäre Behandlung.“

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Jana Hermann und Hannelore Schillinger über ihre Erlebnisse

Zwei Betroffene reden über ihre Nahtoderfahrung.

Hannelore Schillinger in ihrer Münchner Wohnung
Hannelore Schillinger in ihrer Münchner Wohnung © SMB/Fleischmann

Über Jahre vergiftet

Die Geschichte von Hannelore Schillinger beginnt mit einer Zahnfüllung. Die ist aus Amalgam und gilt als harmlos. Doch sie reagiert allergisch, das Implantat wird nicht fachgerecht entfernt. Über Jahre vergiftet sie sich selbst mit Quecksilber, doch als alleinerziehende Mutter zweier Kinder kann sie es sich kaum leisten, längere Zeit krank zu sein. Alle Zähne müssen ihr gezogen werden. Nach einem Zusammenbruch muss sie in eine Entgiftungsklinik. „Nachdem mein Körper entgiftet war, war mein Hirn dran, weil sich die Schwermetalle dort leicht festsetzen“, sagt Schillinger, „der Arzt gab mir zwei Tabletten, die ich nicht vertragen habe. Als es mir danach immer schlechter ging, wurde mir von der Klinik gesagt, dass jetzt am Samstagabend um 21 Uhr Schlafenszeit sei und deswegen nur akute Notfälle versorgt werden.“

Sie wird ohnmächtig. „Danach bin ich durch einen hellen Tunnel voller Licht gerast. Das ging so schnell. Ich wollte bremsen, aber das war nicht möglich. Auf einmal komme ich in ein wunderbares Licht, ein so warmes Licht, und in einen schönen Saal mit schönen weißen Säulen. Mich hat eine Liebe empfangen, die es so auf der Erde nicht gibt.“ Sie möchte dort bleiben, doch eine Stimme sagt ihr, dass sie gehen muss.

Um fünf Uhr morgens am Folgetag wacht sie im Krankenhausbett auf. Sie ist so schwach, dass sie sich nicht bewegen kann. „Aber ich war so in Frieden, dass mich nichts aus der Ruhe gebracht hat“, sagt sie. Die Ärzte rechnen mit dem Tod von Hannelore Schillinger. Doch sie kann nach ein paar Wochen wieder nach Hause, wenn auch frühverrentet.

Krankenhausseelsorger Thomas Kammerer
Krankenhausseelsorger Thomas Kammerer © SMB/Fleischmann

Das unaussprechliche Erlebnis

Weder die Geschichte von Jana Hermann, noch die von Hannelore Schillinger ist objektiv belegbar. Doch sie decken sich mit einer großen Anzahl anderer Erzählungen. Studien zufolge erleben vier Prozent aller Menschen eine Nahtoderfahrung, in den USA geht man sogar von sieben Prozent aus. Klinikseelsorger Thomas Kammerer vom Klinikum rechts der Isar in München erlebt die Erzählungen hautnah: „Ich frage die Patienten oft, wenn sie reanimiert worden und zurückgekommen sind, was sie erlebt haben. Viele wollen nicht drüber reden, aber ein paar Personen schildern mir ihre Erfahrungen. Nahtoderlebnisse sind gekennzeichnet durch lebensverändernde Bedeutsamkeit.“

Seit Jahren beschäftigt sich der Theologe wissenschaftlich mit Grenzerfahrungen auf der Intensivstation. Er weiß, was für eine Belastung diese Erfahrung für Betroffene aber auch Angehörige sein können. Beziehungen und Ehen oder das soziale Umfeld können daran zugrunde gehen.

Wenn die Nahtoderfahrung die Hölle zeigt

Goldene Wiese, Licht, Geborgenheit: Nahtoderfahrungen sind meist positiv konnotiert. Doch was, wenn die Erfahrung die Hölle zeigt? Die Auswirkungen auf das Leben der Betroffenen sind umso gravierender. „Wir kennen aus Erzählungen meist nur die tollen paradiesischen Erfahrungen. Bei den negativen kommt es dann auf die Deutung an“, sagt Kammerer, „Ich kann aus der negativen Vision eine Aufgabe für mich herleiten oder ich kann verzweifeln und kann sagen, ich bin verdammt.“ Aufgrund dieser negativen Eindrücklichkeit für die Menschen ist die Datenlage zu diesen Betroffenen noch dürftiger. Betroffene reden so gut wie nie.

Kunst von Jana Hermann
Kunst von Jana Hermann © SMB/Fleischmann

Netzwerken in München

Eine wichtige Anlaufstelle sind Selbsthilfegruppen wie die Nahtoderfahrungsgruppe in München. Mittlerweile ist der eingetragene Verein auf gut 150 Mitglieder angewachsen. Er bietet Betroffenen einen geschützten Raum, organisiert Vorträge und 2017 den ersten Münchner Nahtod-Kongress. 2020 folgt der nächste in der Hochschule für Philosophie der Jesuiten. „Ich bin zufällig zu diesem Verein gekommen“, sagt Hannelore Schillinger, „ich habe mich sofort verstanden gefühlt. Doch selbst da habe ich erstmal jahrelang nur zugehört. Wenn mich die Leute damals schon wegen meiner Amalgam-Vergiftung ausgelacht haben, hätten sie mich ja erst recht wegen meiner Nahtoderfahrung ausgelacht.“ Jana Hermann hilft der Verein genauso. Sie organisiert daraufhin eine lokale Selbsthilfegruppe in Ingolstadt.

Das Problem der Beweisbarkeit

Schwierig für die Glaubwürdigkeit der Erzählungen ist vor allem, dass NTEs schwer wissenschaftlich zu beweisen sind. Studienergebnisse dazu gehen weit auseinander. 2013 sorgte eine Studie von US-Wissenschaftlern für Aufsehen, die zum ersten Mal gesteigerte Hirnaktivität kurz vor dem Tod bei Ratten nachweisen konnte. Die Studie sagt aus, dass das Licht und die Intensität einer NTE daherkommen könnte, dass das Gehirn kurz vor dem Tod eine Art Turbo einlegt. Andere Studien – wie die Pionierarbeit des holländischen Arztes Pim van Lommel – wollen die Trennung von Körper und Geist durch ihre Studien mit Nahtoderfahrenen bewiesen haben. Unumstritten ist allerdings keine dieser Arbeiten.

Erklärungen für die Out-of-Body-Experience, also dem Zustand, sich aus der dritten Person zu sehen, fehlen weiterhin. Es gibt weltweit etliche Schilderungen von Patienten, die ihren OP-Saal detailgetreu beschreiben konnten, obwohl sie klinisch tot waren und die Objekte im Raum identifiziert haben, die sie aus der Lage des Patienten auf dem Krankenbett unmöglich hätten sehen können. Doch auch hier ist das Problem der Wissenschaftler die Nachweisbarkeit. Nicht alle Menschen haben eine Nahtoderfahrung in einer lebensbedrohlichen Situation. Nicht alle Nahtoderfahrenen haben eine Out-of-Body-Experience und die wenigsten sind nach ihrer OP überhaupt bereit darüber zu reden.

Wie erklärt man Wasser

Betroffenen sind die Studien und deren Ergebnisse ziemlich egal. Die allermeisten Erfahrenen sind von ihrer NTE so überzeugt, dass wohl keine Studie sie ins Wanken bringen könnte. Jana Hermann und Hannelore Schillinger sehen das auch so. „Die Nahtoderfahrung zu erklären, ist ein bisschen wie jemandem zu erklären, wie sich Schwimmen anfühlt, der in seinem Leben noch nie Wasser gesehen hat. Das kann man nicht nachvollziehen, wenn man es nicht erlebt hat“, sagt Hermann. Hannelore Schillinger sieht das ähnlich: „Mir ist das mittlerweile so egal, was die Leute oder Studien sagen. Ich weiß, was ich erlebt habe. Diese Liebe war nicht von dieser Welt.“

Die Gewissheit des Jenseits

Die NTEs sorgen bei Betroffenen meist für die Gewissheit, dass der Tod nicht das Ende ist. Es ist womöglich auch der Grund, warum die wenigsten NTE-Betroffenen ihre Erfahrung rückgängig machen wollten, selbst wenn damit ein großer Leidensweg vor, während und nach der Erfahrung verbunden ist. Jana Hermann verarbeitet ihre Erlebnisse mit ihren Bildern. Hannelore Schillinger hilft anderen Betroffenen. Und beide antworten auf die Frage, ob es Gott gibt, ohne mit der Wimper zu zucken mit "Ja", sie hätten ihn gespürt.

Wenn auch Sie von einer Nahtoderfahrung betroffen sind und das Gespräch suchen, können Sie sich hier an die Münchner Nahtodgruppe wenden.

Der Autor
Lukas Fleischman
Radio-Redaktion
l.fleischmann@st-michaelsbund.de


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