Nachhaltiges Fest Wie sich das ganze Jahr über weihnachtlich leben lässt

26.12.2017

Weihnachtlich leben - das ist nicht nur Ende Dezember möglich. Wie man täglich aus dem Geist der Menschwerdung Gottes heraus handeln kann, erläutert Gabriela Grunden hier.

Immer, wenn Menschen sich um Einsame, Kranke und Arme kümmern, klingt Weihnachten an.
Immer, wenn Menschen sich um Einsame, Kranke und Arme kümmern, klingt Weihnachten an. © Fotolia.com/Barabas Attila

Kann man weihnachtlich leben – nicht nur zu Weihnachten? Ich finde diese Frage reizvoll und habe gleich im Freundes- und Bekanntenkreis nachgefragt. Sag mal, weihnachtlich leben – woran denkst du dabei? Einer meinte: „Einmal im Jahr, das reicht. Die Menschen sind doch viel zu abgedreht mit diesem Konsumwahnsinn. Weihnachten? Nein, danke!“ Eine andere meinte: „Weihnachten heißt für mich gutes Essen, schöne Musik, vielleicht mal einen Gottesdienst besuchen, mit Freunden und in der Großfamilie zusammen sein, feiern.“ Wenn ich Kinder frage, dann gehören zu Weihnachten ein Krippenspiel, bei dem sie mitmachen, und natürlich tolle Geschenke.

Wohl kaum ein Fest, ist mit so großen Erwartungen und tiefen Emotionen aufgeladen wie Weihnachten. Kritische Stimmen monieren: Nur zu Weihnachten gehen die Menschen in die Kirche, nur zu Weihnachten sind sie hilfsbereit und offenherzig. Suchen Menschen zu Weihnachten nur den sentimentalen Kick?

Ich vermute, da steckt noch anderes dahinter. Es scheint so zu sein, dass sich viele wenigstens an Weihnachten „große Gefühle“ erlauben: Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Heimat, nach Liebe, nach äußerem und innerem Frieden, nach Zufriedenheit, nach der Zusage „es wird gut“. Aber wollen wir nur für kurze Augenblicke herzoffen und transparent sein? Klar, in der Liturgie ist der Festzyklus eindeutig bestimmt. Er umfasst die Zeit von Weihnachten bis zur Taufe Jesu. Das liturgische Jahr ist eindeutig strukturiert und hat Sinn. Was soll ich weihnachtlich leben, wenn Ostern folgt?

Das klingt aber doch so, als seien das zwei Seiten einer Medaille! Anders gesagt: Ist Ostern möglich ohne Weihnachten? Die Weihnachtsbotschaft beinhaltet die tiefe Sehnsucht nach Frieden und Gottesnähe. Das ursprüngliche Wort auf Hebräisch heißt Schalom, Friede, Glück, Gesundheit, Liebe, Wohlbefinden. Schalom gilt nicht nur für mich und meine Lieben, sondern für alle. Weihnachten ist für mich das große Versprechen der Befriedung von Lebenswelten, Berufsgruppen, Frauen und Männern, Kindern und Erwachsenen, Menschen und Tieren, Erde und Kosmos. Weihnachten hat für mich eine große Vision parat: „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens.“ (Lk 2,14).

Gabriela Grunden leitet die Abteilung Spiritualität im Erzbischöflichen Ordinariat München.
Gabriela Grunden leitet die Abteilung Spiritualität im Erzbischöflichen Ordinariat München. © SMB/Ertl

Großes beginnt im Kleinen

Gott zeigt sich menschlich nah, friedfertig, frei. Weihnachten sagt mir, dass Gott klein, leise, unscheinbar beginnt, in jedem von uns. In den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die sehen, hören und helfen, wo andere in Not sind. Nachbarn, die ohne zu fragen, einfach mit anpacken, wenn Hilfe benötigt wird. Die vielen Ehrenamtlichen in unseren Gemeinden, die sich um einsame, kranke und arme Menschen kümmern, die Feste organisieren, die musizieren. Die vielen Helferinnen und Helfer, die sich um Obdachlose und Flüchtlinge kümmern. Und die vielen stillen Beterinnen und Beter, die uns ungeahnt begleiten. Da klingt Weihnachten an, Großes beginnt im Kleinen, mikropolitisch wirksam.

Der Mailänder Arbeiterpriester Cesare Sommariva hat es auf den Punkt gebracht: „Was zählt ist eine neue Beziehung, in der es nichts gibt, was mit Angst zu tun hat. Keine Angst haben – keine Angst machen – von der Angst befreien.“ (Ermes Ronchi, Die nackten Fragen des Evangeliums. München – Zürich – Wien 2017, S. 43) Ob es jemals gelingen wird, einander angstfrei zu begegnen, weiß ich nicht, aber die Angst voreinander zu reduzieren und alles dafür zu tun, dass Menschen und Tiere angstfrei leben können, das wäre schon viel. Der geerdete Himmel, mitten unter uns. Weihnachtlich leben heißt inkarnatorisch leben. Das ist ein spannender Prozess. Wie gut, wenn er weitergeht, in jedem von uns, nachhaltig – nicht nur an Weihnachten. (Gabriela Grunden)

Die Autorin schreibt ab Januar regelmäßig Tagesimpulse für die Münchner Kirchenzeitung. Sie können die MK hier bestellen - auch als E-Paper.


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