Christus und die Politik Wie würde Jesus wählen?

02.09.2018

Vor der Landtagswahl in Bayern am 14. Oktober erläutert Professor Elisabeth Zwick, woran sich Christen bei der Stimmabgabe orientieren können.

Während einer politischen Kundgebung wird ein fiktives Wahlplakat für Jesus gezeigt.
Während einer politischen Kundgebung wird ein fiktives Wahlplakat für Jesus gezeigt. © imago/Hoffmann

München – Denkt man bei dem Wort „Wahl“ an Parteien, dann wäre die Antwort schnell gefunden: Jesus würde nicht wählen. Der historische Jesus lebte nämlich zu einer Zeit und in einer Gesellschaft, die politisch, wirtschaftlich und sozial eine völlig andere Struktur hatte, als wir sie heute kennen. Jesus für Parteiprogramme instrumentalisieren zu wollen, hat folglich schon aus diesem Grund, dass er in einer anderen Zeit und in einer anderen Gesellschaft lebte, kein sachliches Fundament. Denkt man bei dem Wort „Wahl“ an Politik, dann kann man anders fragen: War der historische Jesus politisch? Und gerade diese Frage muss wiederum differenzierter betrachtet werden. So legen die Umstände der Hinrichtung des historischen Jesus zwar nahe, dass er als Unruhestifter wahrgenommen wurde, man könnte auch sagen, dass er in gewisser Hinsicht politisch „auffällig“ geworden sein muss.

Zugleich sind hier aber zwei Aspekte zu bedenken. Zum einen wäre es eine unzulässige Rückprojektion, genauer gesagt: einfach falsch, den heutigen Begriff von Politik auf die Zeit Jesu zu übertragen. Zum anderen muss man sich vor Augen führen, dass der historische Jesus in den überlieferten Quellen nicht unmittelbar zugänglich ist, den Evangelien geht es um die theologische Deutung und Bedeutung Jesu, um das Christusgeschehen. Und auf diesem Hintergrund kann man nun fragen, ob Impulse für das Thema „Wahl“ gefunden werden können.

Fangfrage für Jesus

Zuerst kann hier an eine Fangfrage erinnert werden, die Jesus im Konflikt mit den Jerusalemer Autoritäten gestellt wurde: die Frage nach der kaiserlichen Steuer (Mk 12,13–17; Mt 22,15–22, Lk 20,20–26). Die Steuer war ein Politikum, denn sie verschärfte nicht nur die Not der armen Bevölkerung, sondern machte auch die römische Fremdherrschaft bewusst, und die Steuer in Frage zu stellen, kam zudem einer Infragestellung der Legitimation der römischen Herrschaft gleich. Kann nun Jesu Antwort: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“ (Mk 12,17; Mt 22,21; Lk 20,25) in dem Sinne eines „Jedem das Seine“ verstanden werden? Dies könnte es, wenn es sich um eine Entscheidung zwischen zwei gleichwertigen Parteien handeln würde. Aber was ist der Kaiser verglichen mit Gott? Die politische Macht wird hier letztlich relativiert und diese Relativierung ist im Kontext von Jesu „Basileia“-Botschaft zu verstehen. Denn die anbrechende Herrschaft Gottes verändert Lebensverhältnisse, und wie sie diese verändert, kann an verschiedenen Beispielen aufgezeigt werden.

Die gleiche Würde vor Gott

So war in antiken Gesellschaften ein Mahl nicht nur ein Treffen zu einem gemeinsamen Essen, Mahlgemeinschaften spiegelten vielmehr auch die sozialen Strukturen einer Gemeinschaft wider. Jesus aß aber mit Menschen, die sozial ausgegrenzt waren, er aß mit Zöllnern und Sündern (Mk 2,16; Mt 9,10; Lk 5,30). „Ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder“ (Mt 11,19; Lk 7,34), der soziale Ausgrenzungsstrukturen aufhob. Jesus sammelte eine Gemeinschaft um sich, ihn begleiteten auch Frauen (Mk 15,40f.; Lk 8,1–3), und seine Gemeinschaft hatte ein bezeichnendes Merkmal: Sie relativierte Machthierarchien. Als Konsequenz haben alle Menschen vor Gott den gleichen Status und die gleiche Würde: „Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen, denn nur einer ist euer Lehrer, Christus“ (Mt 23,8–10).

"Denkt um"

Die anbrechende Gottesherrschaft verändert also Lebensverhältnisse. Und was damit verbunden ist, das bringt das zum Ausdruck, was als Summarium der Botschaft Jesu seinem öffentlichen Wirken vorangestellt ist: „metanoiete“ (Mk 1,15; Mt 4,17). Hieronymus († 420) übersetzte „metanoiete“ in seiner Vulgata mit „paenitentiam agite“/„tut Buße“ und auch wenn dies im Alltagsverständnis tiefe Spuren hinterlassen hat, ist es letztlich eine Verfälschung. Denn „metanoiete“ bedeutet: „denkt um“. Denken ist hier aber nicht im Sinne kühler Rationalität zu verstehen. Im biblischen Kontext ist nämlich das Herz der Ort des Denkens und dies hat Konsequenzen. Umdenken heißt nicht, etwas lediglich anders zu sehen oder andere Schlüsse zu ziehen, es betrifft vielmehr den ganzen Menschen und wirkt sich im gesamten Leben aus. „Metanoiete“ will gleichsam den Lebensweg umwenden und wird deshalb auch mit „kehrt um“ übersetzt. Was würde es nun aber bedeuten, auf diesem Hinter- grund zu wählen?

Das Christusgeschehen, von dem die Evangelien Zeugnis geben, zeigt: Gott ist kein Nationalgott, kein Kulturgut, kein Verschönerungslack kleinbürgerlicher Traditionalität und Fixierung des Bestehenden. Christus kommt nicht aus der Vergangenheit, er kommt von vorne auf uns zu. Und in dieser Zuversicht kann eine Frage leitend sein: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? In einer Gesellschaft der Angst, der Ab- und Ausgrenzung, der Ungerechtigkeit oder in einer Gesellschaft der Hoffnung, der Offenheit, der Gerechtigkeit? (Professor Elisabeth Zwick)

Zur Autorin

Elisabeth Zwick ist Professorin für Allgemeine Pädagogik, Erziehungs- und Sozialisationsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Bayern wählt

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