Der Herrgott wird es schon richten Wiesn-Wirt Roiderer hat trotz Schicksalsschlags seinen Glauben nie verloren

30.09.2019

Toni Roiderer, langjähriger Wiesn-Wirt, ist ein tief gläubiger Mensch. Doch mit einem Schicksalsschlag wird er nie fertig werden, hat er im Gespräch mit der Chefredakteurin der Münchner Kirchenzeitung (MK) verraten. Und noch etwas: Roiderer wollte eigentlich nie Wirt werden.

Bei einem Thema bricht Wiesn-Wirt Toni Roiderer die Stimme.
Bei einem Thema bricht Wiesn-Wirt Toni Roiderer die Stimme. © Götzfried

Hier ein Plausch, da ein Kompliment, der Chef persönlich geht gemütlich von Tisch zu Tisch. Die Damen bekommen eine kleine quadratische Schokolade. Ein tägliches Ritual von Anton, genannt Toni, Roiderer in seinem „Gasthof zum Wildpark“ in Straßlach – eben ein Wirt mit Leib und Seele. „I? I woit nie Wirt werdn“, winkt er im schönsten Bairisch ab und schaut seinem Gegenüber fest in die Augen, „Ich Wirt? Nie! Das is nix für mich!“ Ungläubige Stille. „Da musst halt manches dazulernen“, beginnt Roiderer zu erklären, „im Leben musst flexibel sein.“

Und erzählt von seiner Kindheit in Peißenberg im Landkreis Weilheim-Schongau, als seine Eltern die Wirtschaft zur Sonne mit dazugehöriger Metzgerei betrieben haben, und später in Wörth eine Metzgerei übernahmen. „Wir haben geschlachtet und ich wollte unbedingt nur Metzger werden“, erinnert sich Roiderer, „das war für mich der Traumberuf, Metzger ist das höchste.“ Die väterliche Metzgerei habe ihn geprägt, genauso wie die „tollen, fleißigen Eltern und der Ehrgeiz“. „Ich wollte immer Unternehmer sein und nie Unterlasser.“ Und sein Glaube, der ihm von klein auf immer Kraft gegeben habe. „Ich bete mindestens zweimal am Tag, in der Früh und auf d’Nacht und sage Dankeschön“, erzählt der Katholik. „Der Herrgott wird es schon richten.“

Einmal jedoch, im Juni 2011, hat der Herrgott weggeschaut. Roiderers jüngster Sohn Markus stirbt, gerade mal 33 Jahre jung, an einem Hirntumor. Toni Roiderer, dem gstandenen Bayern, bricht die Stimme. Markus war sein „Bergkamerad, wir waren wie Pech und Schwefel“. Ob er diesen Verlust jemals verarbeiten könne? „Nein, also ich nicht“, sagt er bestimmt, „ich muss das verdrängen, weil ich mit dem nicht fertig werden würde. Heute noch nicht. Ich rede mit ihm, jeden Tag.“ Roiderer starrt auf den Tisch. Gott habe er aber zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt, „dann hätte ich ja keinen Glauben“. Durch den Schicksalsschlag ist die Familie noch enger zusammengerückt. Roiderer erzählt von seinem ältesten Sohn Thomas, der ihn mit dessen Frau im Gasthof unterstützt. „Ich habe eine tolle Frau, einen super Buam, eine tolle Schwiegertochter und tolle Enkel“, schwärmt der 75-Jährige und zeigt stolz Fotos der Kleinen auf seinem Handy.

MK-Chefredakteurin Susanne Hornberger traf Toni Roiderer zum Gespräch.
MK-Chefredakteurin Susanne Hornberger traf Toni Roiderer zum Gespräch. © Götzfried

Die Angst, das Schicksal könnte wieder zuschlagen, bleibt. „Ich möchte nicht unheilbar krank werden“, sagt er leise, „ich habe Angst davor, dass der Familie etwas passiert.“ Der wortgewaltige Roiderer schweigt kurz nachdenklich. „Angst ist ein Teil der Intelligenz. Wenn einer vor nichts Angst hat, dann begreift er’s nicht.“

Roiderer, der langjährige Sprecher der Wiesn-Wirte, der nie ein Blatt vor den Mund nimmt, ist keiner, der wegrennt. Und das beste aus einer Situation macht. Das war schon als Bub so, als seine Mutter 1953 die Gaststätte Wildpark in Straßlach von ihren Eltern übernehmen muss. Sehr zum Ärger des achtjährigen Toni, „des war mir a bisserl zu wenig, ein altes Haus und nicht das, was ich wollte“. Der Bub musste in der angeschlossenen Landwirtschaft mitanpacken, „für mich war das Schlimmste überhaupt, in der Früh in den Stall gehen zu müssen. Ich wollte Metzger sein und nicht Stallknecht“. Aber er fügt sich, lernt, ist fleißig. 1970 wird Roiderer Geschäftsführer, heiratet im gleichen Jahr Christl, die Metzgerei läuft gut, „weil wir unsere ganze Kraft reingegeben haben“. Er kümmert sich vermehrt auch um die Wirtschaft, schließlich erbt er alles 1980. „Dann bin ich voll in die Gastronomie eingestiegen, die Metzgerei hat mich da nicht mehr so interessiert.“

Roiderer lächelt verschmitzt – und leicht gequält. Er hat Schmerzen, wurde kürzlich an der Bandscheibe operiert. Und ist trotzdem da, fünf, sechs Stunden wie jeden Tag, im Biergarten seiner Gaststätte. „Das ist jetzt meine Disziplin, dass ich hier sitze. Wird schon wieder werden.“ Immer diszipliniert, „a gradliniger Kerl“, „aufrichtig“, „witzig“, „durchsetzungsstark“ und „zuverlässig“ – Attribute, die seinen Freunden einfallen, spricht man sie auf Toni Roiderer an. Er selbst nennt sich durchsetzungsstark, gewissenhaft, ehrlich und korrekt, furchtbar dick habe er Lüge, Neid, Missgunst. „I bin koa linker Vogel.“ Aber ein witziger, der immer einen flotten Spruch drauf hat.

Kardinal Reinhard Marx, gebürtiger Ostwestfale, hat er bei dessen Besuch in Roiderers Hacker-Zelt auf der Wiesn mit dem Werbe-Slogan „Himmel der Bayern“ zum Schmunzeln gebracht: „Eure Eminenz, ich finde es toll, dass Sie zu Lebzeiten schon wissen wollen, wie es im Himmel der Bayern ist.“ Den Kardinal hält er für einen „Glücksfall, weil er die katholische Kirche so vermittelt, dass man ihr vertrauen kann, weil er so bürgernah ist“. Dann mischt sich Roiderer wieder unter seine Gäste, ein Wirt wie aus dem Bilderbuch, der eigentlich nie einer sein wollte.

Die Autorin
Susanne Hornberger
Münchner Kirchenzeitung
s.hornberger@st-michaelsbund.de


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