Buchvorstellung "Wir dürfen wirklich das Leben genießen"

07.01.2021

Abt Johannes Eckert im Gespräch über tiefgründige Fragen im Johannes-Evangelium, den Sinn von Krankheiten und die Hoffnung, dass wir Gott auf Augenhöhe begegnen werden.

Abt Johannes Eckert
Abt Johannes Eckert © Kiderle

mk online: In Ihrem neuen Buch über das Johannes-Evangelium thematisieren Sie die Fragen, die Gott den Menschen stellt, aber zugleich auch das Fragen und Suchen des Menschen nach Gott. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Abt Johannes Eckert: Es ist interessant, dass die ersten Worte, die Gott im Buch Genesis spricht, eine Frage sind: „Adam, wo bist du?“ Das korrespon- diert mit den ersten Worten, die Jesus im Johannes-Evangelium spricht – ebenfalls eine Frage: „Was sucht ihr?“ Das hat mich auch persönlich sehr angesprochen, denn der heilige Benedikt hat uns als Regel mitgegeben: Wenn jemand um Aufnahme in unser Kloster bittet, sollen wir nicht prüfen, ob er Gott gefunden hat, sondern ob er Gott wahrhaft sucht. Wir müssen Gott immer wieder suchen, nach ihm fragen, die Sehnsucht haben, ihn zu entdecken, und wir müssen diese Fragen erst einmal „leben“, ohne gleich Antworten parat zu haben. Vieles können wir nicht gleich verstehen und erklären – Gott bleibt für uns „fragwürdig“.

Sucht Gott auch uns?

Abt Johannes: Ich glaube schon, denn diese erste Frage „Adam, wo bist du?“ zeigt: Gott geht uns nach. Er wird Mensch, um uns Menschen so nahe zu kommen wie möglich. Das ist Ausdruck einer großen Sehnsucht und einer großen Suche. Man sieht das auch an der letzten Frage im Johannes-Evangelium, die Jesus an Simon Petrus stellt: „Liebst du mich?“

Wie würden Sie das Johannes-Evangelium charakterisieren?

Abt Johannes: Es ist ein mystisches Evangelium, der Evangelist bringt oftmals sehr tiefgründige Bilder. Zum Beispiel bei der Hochzeit zu Kana: Jesus ist dort zu Gast, aber Braut und Bräutigam treten gar nicht groß in Erscheinung, und am Schluss fragt man sich, wessen Hochzeit eigentlich gefeiert wird. Wenn man in die Tiefe geht, erkennt man, dass hier ein Bild von der Vermählung Gottes mit den Menschen gezeichnet wird, die in Jesus Christus geschieht – also letztlich ist es unsere eigene Hochzeit!

Sie haben die Benediktsregel erwähnt, laut der man prüfen solle, ob einer wahrhaft Gott sucht. Woran erkennt man denn, ob jemand Gott wahrhaft sucht?

Abt Johannes: Der heilige Benedikt nennt drei Kriterien, mit denen wir die Gottsuche prüfen können: Erstens, Gehorsam – das bedeutet, dass er ein hörender Mensch ist, aufmerksam, sensibel, offen. Zweitens, Liebe zum Gottesdienst – das bedeutet, dass er Gott in allem dienen will, in allem sucht. Für Benedikt ist übrigens auch die Gastfreundschaft Gottesdienst! Drittens, ob er trotz Widrigkeiten nicht aufgibt.

Wir Computernutzer sind ja Meister im Suchen, Suchmaschinen verraten uns in Sekundenbruchteilen fast alles. Dürfen wir Jesu Ausspruch „Was sucht ihr?“ auch als eine kritische Rückfrage an unsere Internetnutzung auffassen?

Abt Johannes: Durchaus. Es ist interessant, wenn man sich am Ende des Tages in der Browser-Chronik anschaut, welche Suchbegriffe man eingegeben hat. Dann könnte man überlegen: Was suche ich denn eigentlich – in meinem Leben, in meiner Partnerschaft, in meinem Beruf? Und wie wäre es nun, wenn ich diese Fragen im Internet eingeben würde? Würde ich dazu Antworten finden?

Schauen wir uns ein paar Szenen aus dem Johannes-Evangelium genauer an. Als Jesus bei der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt, deuten Sie das als Ermutigung, genussvoll zu leben. Aber waren denn Mönche nicht oft Asketen, die ein schwieriges Verhältnis zu leiblichen Genüssen hatten?

Abt Johannes: Askese bedeutet wörtlich Übung oder Training, und ihr ursprünglicher Sinn ist, dass ich den Verzicht einübe, um wieder neu genießen zu können. Mönche waren immer wieder Meister der Askese, aber sie waren auch Meister im genussvollen Leben. Uns Benediktinern wird ja auch nachgesagt, dass wir gerne feiern. Und Jesu Botschaft bei der Hochzeit zu Kana ist: Ihr braucht auf die Lebensfreude und die Lebensfülle nicht zu verzichten! Ich glaube, das ist auch ein Auftrag für uns als Kirche, das auszustrahlen. Vor allem wenn wir Weihnachten und Ostern feiern, da dürfen wir wirklich das Leben genießen. Aber dafür braucht es halt auch die Askese, das Einüben des Verzichts. Und gerade die Corona-Krise bietet die Chance, manches im Verzicht neu schätzen zu lernen.

Dem Gelähmten am Teich von Bethesda stellt Jesus, bevor er ihn heilt, die überraschende Frage: „Willst du gesund werden?“ Könnte es denn sein, dass er nicht will?

Abt Johanes: Ja. Denn wenn einer 38 Jahre gelähmt ist, hat er sich mit seinem Handicap arrangiert, dann hat ihn das vielleicht nicht nur äußerlich gelähmt, sondern auch innerlich in seinem Wunsch, gesund zu werden. Viele Menschen ziehen aus ihren Krankheiten einen „Krankheitsvorteil“, sie lassen sich bemitleiden, haben sich in ihrer Krankheit eingerichtet oder definieren sich sogar ausschließlich von ihrer Krankheit her. Für mich bedeutet die Frage „Willst du gesund werden?“ im Hinblick auf unsere Leiden: „Willst du gesund damit umgehen?“ Wir werden an Krankheit, Leid und Tod nicht vorbeikommen, aber wir können lernen, gesund damit umzugehen. Und dann wird mich die Krankheit nicht lähmen.

Haben Krankheiten einen tieferen Sinn?

Abt Johannes: Wir stellen uns immer wieder die Frage nach dem Warum. Warum gibt es Leid auf der Erde? Wir werden darauf keine Antwort finden. In dieser Frage bleibt Gott wahrsten Sinne des Wortes fragwürdig. Den einzigen Trost gibt uns der Glaube, dass Gott in seinem Sohn mit uns durch das Leiden und sogar durch den Tod geht. Und dann fragen wir nicht mehr nach dem Warum, sondern können nach vorne schauen: Wo führt mich diese Krankheit hin? Was will mich diese Einschränkung, dieses Leid in meinem Leben lehren?

Im Schlusskapitel Ihres Buches kommen Sie zu einer bemerkenswerten Annahme: dass wir beim letzten Gericht nicht nur in unserer eigenen Unvollkommenheit vor Gott treten, der uns fragt, ob wir ihn lieben, sondern dass wir angesichts des Leids in der Welt auch selbst die Frage „Liebst du mich?“ an Gott richten dürfen; ja sogar, dass Gott uns für all das, was wir erleiden mussten, seinerseits etwas schuldig sei. Dürfen wir die Hoffnung haben, Gott auf Augenhöhe zu begegnen?

Abt Johannes: Für mich gehört beim Gericht dazu, dass ich in diesem Moment nicht nur erkenne, wo ich gefehlt habe, sondern dass ich auch das Geheimnis Gottes ganz erkenne – wozu auch die Frage nach dem Leid auf der Welt zählt. Ich darf da Gott gewissermaßen „anklagen“, auch er wird da zum „Angeklagten“. Und ich hoffe, dass sich in dieser liebevollen Begegnung die „Fragwürdigkeit“ Gottes durch seine Liebe entschlüsselt.

Sie ermuntern immer wieder dazu, den eigenen Namen in Bibelgeschichten einzusetzen und sich persönlich angesprochen zu fühlen. Wenn Jesus dem toten Lazarus zuruft: „Lazarus, komm heraus!“, meint er damit auch mich?

Abt Johannes: Ich muss mich fragen, wie es eigentlich mit meiner eigenen Beziehung zu diesem Jesus von Nazareth steht. Und da ist es eine gute Übung, mich selbst zu fragen: Wo ist etwas in mir abgestorben? Wo habe ich etwas zu Grabe getragen? Wo ist eine Friedhofsruhe in meiner Beziehung zu Gott? Jesus ruft nicht nur Lazarus, sondern auch mich: „Komm heraus! Löse die Binden! Lass dich befreien zu der Liebe, die uns trägt und der der Tod nichts anhaben kann!“ Auch in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen können wir fragen: Welcher Mensch hat mich schon einmal aus einer Starre herausgerufen? Dann kann ich entdecken, dass mir Jesus in einer Freundin oder einem Freund begegnet.

Auf Pilatus’ Frage beim Verhör, ob er der König der Juden sei, entgegnet Jesus: „Sagst du das von dir aus oder haben es dir andere über mich gesagt?“ Davon ausgehend geben Sie zu bedenken, wie viel von unserem Jesus-Glauben uns von anderen mitgegeben wurde. Und dann stellen Sie diese bohrende Frage: „Was wäre denn, wenn ich in eine buddhistische oder muslimische Familie hineingeboren wäre?“ Vielleicht würde Ihnen dann Jesus gar nichts bedeuten, oder?

Abt Johannes: Wenn ich irgendwo in Asien geboren worden wäre, könnte es gut sein, dass mir dieser Jesus erst einmal fremd wäre. Vielleicht würde er mich faszinieren wie Gandhi oder Martin Luther King, aber ich käme nie auf die Idee, er könnte Gottes Sohn sein. Als ich beim Schreiben des Buchs die Frage „Sagst du das von dir aus, oder haben es dir andere über mich gesagt?“ meditiert habe, wurde ich sehr dankbar dafür, wie viele Menschen mir von Jesus erzählt haben. Das ist die eine Seite. Die andere ist: Was kann ich von mir aus über Jesus sagen? Es ist zunächst relativ wenig, und wir sind eingeladen, ihm mehr begegnen zu wollen. Wie kann ich ihm begegnen? Indem ich versuche, das, was die Evangelien überliefern, in mein Leben hineinzunehmen und in meiner Spiritualität zu vertiefen. Ich kann ihm zum Beispiel in der Eucharistie begegnen oder im Sakrament der Versöhnung.

Kann diese Frage auch helfen, ohne christliche Überheblichkeit anders auf die Menschen in der Welt zu schauen, die nicht wie wir von Jesus erfahren haben?

Abt Johannes: Genau, diese Frage soll dankbar, aber auch demütig machen, damit ich andere nicht abwerte, sondern anerkenne: Gott hat diesen Menschen ihren eigenen Weg geschenkt, in ihrem eigenen Umfeld. Vielleicht drängt es mich auch, anderen von meiner Jesus-Beziehung zu erzählen. Aber eben nicht herablassend, sondern auf Augenhöhe und mit der Neugierde, wo diese vielleicht ebenfalls von einer tiefen Gottbeziehung geprägt sind, aber aus einem ganz anderen Hintergrund heraus.

Fragen, so schreiben Sie, brauchen nicht immer gleich eine Antwort, sondern dienen manchmal dazu, beim Gefragten etwas auszulösen. Welche Frage würden Sie unseren Lesern gern mitgeben – zum Nachdenken und Reflektieren über die Lektüre dieses Interviews hinaus?

Abt Johannes: Da denke ich an die Szene im Abendmahlssaal: Jesus legt das Obergewand ab und umgürtet sich mit der Schürze des Sklaven – das einzige liturgische Gewand, das er anlegt –, dann kniet er nieder und wäscht seinen Jüngern die Füße. Für Simon Petrus ist das ein Ärgernis. Ich würde raten, dieses Bild einmal tief zu meditieren: Wer wäscht mir die Füße? Und wem wasche ich wirklich die Füße? Jesus, von dem wir sagen, dass er Gottes Sohn ist, wäscht uns die Füße und stellt uns die Frage: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe?“ Eine Frage, die nicht mit dem Verstand beantwortet werden kann. Man muss sie sich zu Herzen gehen lassen.

Der Autor
Joachim Burghardt
Redakteur bei der Münchner Kirchenzeitung
j.burghardt@muenchner-kirchenzeitung.de


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