Impuls von Abt Johannes Eckert „Wir entfalten Ihre Schönheit!“

20.10.2019

„Wir entfalten Ihre Schönheit!“ Das könnte ein christliches Lebensprojekt sein. Wenn ich einen Menschen ansehe und ihm dadurch Ansehen gebe, wird er schön, meint Abt Johannes Eckert.

Der Werbeslogan „Wir entfalten Ihre Schönheit!“ könnte ein christliches Lebensprojekt sein, meint Abt Johannes Eckert: durch Ansehen die Schönheit entfalten.
Der Werbeslogan „Wir entfalten Ihre Schönheit!“ könnte ein christliches Lebensprojekt sein, meint Abt Johannes Eckert: durch Ansehen die Schönheit entfalten. © Pixel-Shot – stock.adobe.com

„Guten Tag, Frau Schmidt! Gestern habe ich Ihren Mann getroffen, aber er hat mich nicht gesehen!“ „Ja, das hat er mir erzählt!“ Diese Anekdote stimmt mich nachdenklich. Wie oft übersehen wir Menschen, um ihnen aus dem Weg zu gehen. Das kann ja seine Gründe haben und doch kann es für den anderen verletzend sein.

Es ist interessant, dass sich unser deutsches Wort „schön“ von „sehen“ ableitet. Wenn ich einen Menschen ansehe und ihm dadurch Ansehen gebe, dann wird er dadurch schön. Wenn ich dagegen wegschaue, weil sein Anblick mich stört, dann finde ich ihn nicht schön. Schönheit ist damit mehr als nur die äußere Erscheinungsform.

Durch Ansehen die Schönheit entfalten

Vor einiger Zeit kam mir ein Werbezettel von einer Anti-Aging-Agentur in die Hände mit der Aufschrift: „Wir entfalten Ihre Schönheit!“ Das könnte ein christliches Lebensprojekt sein: durch Ansehen die Schönheit entfalten. Im Evangelium sieht Jesus immer wieder bewusst Menschen an und nimmt ihre Situation sensibel wahr, etwa in der Begegnung mit dem Zöllner Zachäus in Jericho. Jesus sieht ihn im Maulbeerfeigenbaum. Er schenkt ihm Ansehen, indem er ihm zuruft: „Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben.“ (Lk 19,5) Dieses Ansehen führt bei Zachäus zur Umkehr und Heilung. Voll Freude nimmt er, der als Zollpächter wahrscheinlich aufgrund seiner ungerechten Erpressungen von vielen bewusst gemieden wurde, Jesus freudig in sein Haus auf. Doch damit nicht genug: Er verspricht, seine Missetaten wieder gut zu machen, indem er seinen Opfern das Vierfache zurückerstattet und die Hälfte seines Vermögens an die Armen gibt. Durch das Ansehen Jesu, durch seine Zuwendung und sein Interesse, kann Zachäus seine wahre Schönheit entfalten. Diese Begegnung motiviert dazu, in sich zu gehen und sich zu fragen: Wo müsste ich neu anfangen? Wo ist mein Ansehen gefragt? Welche Falten möchte ich entfalten?

Abt Johannes Eckert ist Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs.
Abt Johannes Eckert ist Abt der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs. © privat

In vielen Gemeinden wird an diesem Wochenende Kirchweih gefeiert. Vielleicht könnte uns dies dazu motivieren, mit einem wachen Blick durch die eigene Gemeinde zu gehen und der Entfaltung zu dienen. Wem könnte ein Kompliment gut tun, weil er sich zum Beispiel als Mesner treu um die Kirche sorgt? Wer freut sich über ein Wort der Anerkennung, weil sie sich bei der Erstkommunion- oder Firmvorbereitung einbringen? Über wen kann ich ein gutes Wort verlieren, weil sie sich im sozialen Helferkreis oder bei der Hausaufgabenbetreuung engagieren? Wem könnte ich Ansehen schenken, weil sie am Rand stehen und häufig übersehen werden?

„Wir entfalten Ihre Schönheit!“ Entfaltung ist schön, weil das, was in uns steckt und angelegt ist, sich entwickeln, wachsen und Frucht bringen darf. Manchmal genügt dazu schon ein freundlicher Blick, ein wohlwollendes Augenzwinkern.


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