Organspende Wir leben doch in einer Solidargemeinschaft

16.01.2020

Franziska Liebhardt hat zwei Spenderorgane in ihrem Körper, mit denen sie olympisches Gold gewonnen hat. Zur Abstimmung im Bundestag hat sie eine klare Meinung.

Franziska Liebhardt befürwortet die Widerspruchslösung.
Franziska Liebhardt befürwortet die Widerspruchslösung. © SMB/ Br

München – Zwei fremde Organe arbeiten in Liebhardts Körper: Eine Lunge und eine Niere. Zwei Organe mit denen sie olympisches Gold bei den Paralympics 2016 in Rio gewonnen hat. Und das gegen alle Erwartungen. Denn eine Spenderlunge hält im besten Fall nur fünf bis sieben Jahre – 2009 bekam sie das Organ transplantiert. Und musste erstmal kämpfen. Das Atmen musste sie erst wieder lernen, bevor die Beatmungsgeräte ganz wegdurften. Den Moment wird sie nie vergessen: „Ich hatte keine Kabel mehr im Gesicht, habe auf die Monitore geschaut und die Sauerstoffsättigung blieb bei 97%“. Einige Zeit später saß sie auf einem Ergometer und freute sich über ihre Leistung: 5 Watt hat sie getreten. Jeder Hobby-Radler schafft locker 100 Watt. Doch für sie bedeutete es: Mein Körper funktioniert wieder.

Zwei Medaillen

Schuld am Lungenversagen war eine Autoimmunkrankheit, die 2013 auch noch Nierenversagen auslöste. Sie bekam eine Niere von ihrem Vater gespendet. Ein Schlaganfall sorgte dafür, dass sie bestimmte Regionen ihres Körpers nicht mehr ansteuern konnte. Aber sie hatte einen Traum: Rio 2016. Und obwohl ihre Medikamente eigentlich dafür sorgten, dass sie keine Muskeln aufbauen kann und obwohl das Kugelstoßen eine Disziplin für eher kräftig gebaute Athleten ist, hat sie es geschafft, sich für die Paralympics zu qualifizieren – und dort Gold im Kugelstoßen zu gewinnen und Silber im Weitsprung.

Der Bundestag stimmt über die sogenannte Widerspruchslösung ab. Es wird ein knappes Ergebnis erwartet, auch innerhalb der Parteien herrscht große Uneinigkeit. Die Kirchen haben einen klaren Standpunkt: Nach ihrer Ansicht muss die Organspende eine bewusste und freiwillige Entscheidung bleiben. Franziska Liebhardt hat da eine ganz andere Meinung.

Aufklärung wäre wichtig

Die Zustimmungs-Lösung empfindet die 37-Jährige als faulen Kompromiss. Die Möglichkeit, „unentschlossen“ ankreuzen zu können, bedeutet, dass wieder, dass man sich nicht entscheiden muss und es dann auch nicht tut, erklärt sie. Was sie aber in dem Entwurf richtig findet, ist das Vorhaben die Bevölkerung mehr und besser aufzuklären. „Das würde auch zu einer erhöhten Spendenbereitschaft führen“, glaubt sie. Ihr wäre es am liebsten die Widerspruchslösung mit einer großen Aufklärungskampagne zu verbinden.

Dabei kann sie jeden verstehen, der sich dagegen entscheidet, seine Organe zu spenden: „Es gibt viele Gründe sich gegen eine Organspende zu entscheiden. Persönliche oder ethische.“ Aber sie hält auch fest: „84 Prozent der Deutschen würden ein Spenderorgan ohne Zögern annehmen, dann muss man doch auch eigentlich bereit sein selber zu spenden“. Schließlich lebten wir ja in einer Solidargemeinschaft.

Als sie 2016 in Rio auf dem Siegertreppchen stand, sagt sie, sei sie nicht allein dort gewesen. „Ich hatte das Gefühl, da steht noch jemand neben mir. Nämlich der Organspender bzw. die Organspenderin. Ich bin diesem Menschen jeden Tag aufs Neue dankbar und trage ihn immer in meinem Herzen.“ (br/ts)

Update:

7§§Der wöchentlicher Talk im Münchner Kirchenradio mit spannenden Persönlichkeiten, die mit ihrem Tun christliche Werte transportieren. Dabei sind diese Menschen nicht unbedingt Vorzeigechristen. Aber sie alle machen die Welt ein kleines bisschen besser...und lebenswerter.


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