Diskussion über Pflegenotstand „Wir sind Fachkräfte, keine Engel“

12.04.2019

Hoch hergegangen ist es, als kämpferische Pflegekräfte beim "Runden Tisch Kirchen und Gewerkschaften" über die aktuellen Probleme in der Pflege diskutierten.

Die Personal-Lage in den Kliniken ist teilweise fatal. © imago images/Ohde

München – Christian Bindl, Leiter der katholischen Betriebsseelsorge bringt es gleich zu Anfang auf den Punkt: „Pflege ist eine Tätigkeit von großer Verantwortung, geringer Bezahlung und großer Belastung“. Etwa 135.00 Pflegefachpersonen arbeiten in Bayern, über 11.000 davon allein in der Landeshauptstadt. Trotzdem fehlt es allerorts an Pflegekräften – wie hoch der Mangel tatsächlich ist, kann niemand genau sagen.

Prekäre Situation

Zu diesem Thema kamen knapp 30 Interessierte im KKV Hansa Haus des Verbandes der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung beim Königsplatz zusammen, um gemeinsam mit dem „Runden Tisch Kirchen und Gewerkschaften“ über den Pflegenotstand aus Sicht der Beschäftigten zu diskutieren. Mit dabei: Diplom-Pflegewirtin Elisabeth Linseisen, Vorsitzende des Katholischen Pflegeverbandes Bayern und Bettina Rödig, Vorsitzende der ver.di Jugend Bayern, sowie Betriebsrätin in einem Münchner Krankenhaus. Die beiden Gesundheits- und Krankenpflegerinnen sind sich einig: die Situation der Pflegekräfte in München ist prekär. Es fehlt an Personal und damit an Zeit die dringend für Ausbildung und Einarbeitung neuer Mitarbeiter sowie für menschliche und liebevolle Pflege benötigt wird.

Ursachen für den Pflegenotstand sehen die beiden Frauen vor allem in der zu niedrigen Bewerberzahl aufgrund schlechter Bezahlung und schlechter Arbeitsbedingungen. Ein konkretes Beispiel nennt ein Pfleger aus dem Publikum: eine Fachkraft, die für 60 Patienten zuständig ist und kaum Zeit hat, um zu essen oder auf die Toilette zu gehen. Die Beteiligung der Anwesenden insgesamt ist rege und emotional, vereinzelt brandet Applaus auf, einige sind selbst Pflegekräfte, das Thema betrifft ihre Existenz.

„Heute schauen wir nur, dass keiner stirbt“

Die Lage in den Kliniken ist teilweise fatal, wie Rödig schildert: „Es gab einen Tag, da waren wir auf der Intensivstation so unterbesetzt, dass wir gesagt haben: ,heute machen wir keine Pflege – heute schauen wir nur, dass keiner stirbt!‘“ Die gerade mal 26- Jährige wirkt kämpferisch und hochmotiviert. Doch dass war nicht immer so. Schon acht Monate nach Beendigung ihrer Ausbildung stand sie kurz vor dem Burnout. Viele Pflegekräfte leiden permanent unter schlechtem Gewissen, weil sie unmöglich all das erledigen können, was sie gerne würden. Ständig müssen sie entscheiden, um welche Patienten sie sich überhaupt noch kümmern können. Dass dies zu psychischen und körperlichen Beschwerden führt, ist schon lange bekannt.

Eine weitere Problematik stellt in den Augen der beiden Expertinnen ein Gesundheitswesen dar, dessen primäres Ziel Gewinnerwirtschaftung sei. Das Personal sei nur ein lästiger Kostenfaktor. Es werde von einer „Pflegewirtschaft“ gesprochen, von Patienten als „Kunden“ – die Gesundheit des Menschen werde ganz bewusst zur „Ware“ gemacht und der Gewinn stehe stets an erster Stelle.

Es braucht selbstbewusste Pflegekräfte

„Manchmal glaube ich, wir brauchen erst einen Total-Kollaps, damit sich etwas ändert“, ärgert sich Rödig. Auf der Suche nach einer Lösung müsse jedoch zuerst geklärt werden: Wann ist Pflege gut? Und was ist der Gesellschaft gute Pflege wert? Wenn man Patienten frage, führt Rödig aus, komme es ihnen vor allem auf „gutes Essen und ein nettes Lächeln der Pflegekraft“ an. Doch Pflege sei viel mehr. „Wir sind keine gütigen Engel, die über die Station schweben – wir sind gut ausgebildete Fachkräfte mit umfassenden Kenntnissen in Medizin, Pharmakologie und Gesprächsführung.“

Dennoch sei in vielen Köpfen die landläufige Meinung fest verankert: „Du bist Pflegekraft? Den Menschen den ganzen Tag den Arsch abwischen, das könnte ich nicht“, drückt Rödig es drastisch aus. Eine Verbesserung der Situation könne allerdings nicht nur durch die Politik erreicht werden, sondern müsse von den Pflegekräften selbst kommen. Es brauche eine andere Haltung mit selbstbewussten Pflegekräften, die schon in der Ausbildung „Autonomie“ lernten, bekräftigt Linseisen.

Von Seiten der Politik fordern die Beteiligten neue Arbeitszeitmodelle, eine Aufwertung des Pflegeberufes sowie bessere Bezahlung. Es sei, so lautet ein Fazit des Abends, für jeden Einzelnen von Interesse, die Situation der Pflegekräfte zu verbessern, denn „wenn es der Pflege nicht gut geht, kann es auch dem Patienten nicht gut gehen“, fasst es Linseisen zusammen. (Carla Schlüter)


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