Jugendopfersonntag „Wir stabilisieren das mangelhafte Schulsystem“

30.11.2018

Sozialpädagogische Lernhilfen der Katholischen Jugendfürsorge helfen benachteiligten Kindern, die ansonsten durchs Raster fallen.

Arno Bosl (links) koordiniert die Sozialpädagogischen Lernhilfen der KJF. Hier hilft er Haias (Name geändert) bei den Hausaufgaben. © KJF/ Klaus D. Wolf

München – Elisa (Name von der Redaktion geändert) zwirbelt eine Haarsträhne um ihren Zeigefinger. Den Kopf auf die andere Hand gestützt, sitzt sie tief über ein Blatt Papier gebeugt. Obwohl sie Dezimalrechnen nicht wirklich mag, hat sie es fast geschafft, es fehlen nur noch zwei Aufgaben. Arno Bosl kommt zu Elisa an den Tisch und gibt ihr einen gelben Schnellhefter. „Wenn du fertig bist, übe bitte noch ein wenig Deutsch. Heute warst du wirklich fleißig, klasse!“ Seit 2001 ist Arno Bosl Koordinator für die Sozialpädagogischen Lernhilfen (SPLH) der Katholischen Jugendfürsorge der Erzdiözese München und Freising (KJF) – unter anderem am Standort St. Michael in Berg am Laim. Zwischen Montag und Donnerstag kommen im Zweistundentakt bis zu 70 Kinder in die Clemens-August-Straße. Hier helfen ihnen Betreuer der KJF bei den Hausaufgaben, unterstützen die Mädchen und Buben dabei, ihre Deutschkenntnisse zu verbessern, motivieren sie, machen mit ihnen Konzentrationsübungen und stärken ihre soziale Kompetenz.

Wenig Zeit, um den Lernstoff zu verinnerlichen

„Wir stabilisieren das mangelhafte Schulsystem“, sagt Bosl. Er redet nicht lange um den heißen Brei herum. Auch dafür mögen ihn seine Schützlinge. In den vergangenen Jahren hat sich viel verändert. Zwar gibt es inzwischen die Ganztagsbetreuung, „aber dort ist der Betreuungsschlüssel viel zu hoch. Viele Kinder, gerade solche mit Flucht- und Migrationshintergrund fallen durchs Raster“, sagt Bosl. Auch die Familienkonstellationen seien komplizierter geworden – und der Tag der Kinder ist noch mehr durchgetaktet: Ergotherapie, Logopädie, AGs an den Schulen – oft bleibt wenig Zeit, den Lernstoff zu verinnerlichen. „Ich kann das einfach nicht, gibt es hier nicht. Mich freut besonders, dass jemand etwas nicht nur kapiert, wenn ich ihm etwas erkläre, sondern dass derjenige auch selbst merkt, dass er es drauf hat und gar nicht schüchtern sein muss“, sagt Bosl, während er in den Nebenraum geht, in dem acht weitere Schüler ihre Hausaufgaben machen. Der Betreuungsschlüssel bei den Sozialpädagogischen Lernhilfen der KJF liegt bei 1:4. Für reguläre Schulen ein ferner Traum.

„Wie viele Geschwister hast du?“ Haias (Name von der Redaktion geändert) antwortet zögerlich: „Das weiß ich nicht genau, vielleicht fünf oder sechs“. Der Junge mit den dunklen Haaren zählt mit den Fingern. Haias geht in die fünften Klasse einer nahe gelegenen Mittelschule. „Ich habe drei jüngere Schwestern, dann komme ich, dann meine zwei Brüder, die sind beide älter.“ Das Wort „Geschwister“ wird noch bei einigen Mädchen und Buben mehr an diesem Nachmittag auf Unverständnis stoßen. Elisa, Haias und die anderen kommen hierher, weil ihre Eltern oft keine Zeit haben, sich um die Hausaufgaben ihrer Kinder zu kümmern. Schichtdienst, Kindererziehung, Haushalt, Behördengänge – in der Regel sprechen die Eltern der Kinder, die zu Arno Bosl und den anderen KJF-Mitarbeiter ins Pfarrheim kommen, kaum bis gar kein Deutsch. Für ihre Kinder bedeutet das: Sie müssen es entweder alleine durch die Schule schaffen oder mit Hilfe von Angeboten wie den Sozialpädagogischen Lernhilfen der KJF eine Chance haben, mit ihren Mitschüler mitzuhalten.

Die Kinder kommen gerne

Die SLPH gibt es ausschließlich in München. Im Fachjargon spricht man hierbei von einer niedrigschwelligen Integrationsmaßnahme für individuelle und sozial benachteiligte Schüler. Insgesamt betreut die KJF an mehr als 15 Standorten – von Ramersdorf-Perlach über die Ludwigsvorstadt und Freimann bis Berg am Laim – pro Schuljahr rund 500 Kinder und Jugendliche aus mehr als 30 Ländern. Zugeteilt werden die Kinder dem Koordinationsteam der KJF seitens der Bezirkssozialarbeit und der Schulsozialarbeit. Die Stadt München bezahlt Lernhilfen für Schüler der Grund-, Mittel- und Förderschule. Vier Stunden wöchentlich dürfen die Kinder und Jugendlichen zu St. Michael und den anderen Standorten kommen. Und das in München auch nur innerhalb von zwei Schuljahren. „Das reicht bei vielen aber nicht aus“, sagt Bosl. „Ich würde mir wünschen, dass wir das flexibler handhaben könnten.“

Was auffällt: Die Kinder kommen gerne zu den Lernhilfen. „Ich mag Frau Specht. Sie hilft mir, wenn ich etwas nicht verstehe und hört mir zu.“ Leila ist ein aufgewecktes Mädchen und geht in die zweite Klasse einer Grundschule. „Am liebsten mag ich das Freispiel nach den Hausaufgaben unten. Dort gibt es auch eine Tischtennisplatte.“

Die Spenden des Jugendopfersonntags am 2. Dezember (siehe Kasten unten) werden unter anderem dafür verwendet, die Räumlichkeiten der diversen Standorte der SPLH besser auszustatten, um die Lernatmosphäre zu verbessern. Die KJF benötigt Gelder, um Räume anmieten zu können. Zudem sucht die KJF kontinuierlich nach Räumlichkeiten, um die Lernhilfen langfristig in einem Stadtteil etablieren zu können.


Es ist 16 Uhr. Die Grundschulkinder packen ihre Stifte und Hefte in ihre Schultaschen. „Hier in St. Michael haben wir großes Glück. Die Kooperation läuft schon seit sieben Jahren. Wir haben also große Planungssicherheit“, sagt Bosl und schüttelt seiner Kollegin Gertrud Specht die Hand. Einen Wunsch hat er noch zum Abschied: „Ich würde gerne meinen Betreuerinnen und Betreuern, die so gute Arbeit leisten und nicht ganz so gut bezahlt werden, meine Wertschätzung zeigen. Ein Dankesessen, das wäre was!“ (Angelika Slagman)

Jugendopfersonntag
Der diesjährige Jugendopfersonntag findet am 2. Dezember statt. Traditionell wird am 1. Adventssonntag in allen Kirchen der Erzdiözese München und Freising für die vielfältigen Aufgaben der Katholischen Jugendfürsorge gesammelt. In diesem Jahr kommen die Spenden den Sozialpädagogischen Lernhilfen und der Jugendsozialarbeit an Schulen zugute. Darüber hinaus werden mit der Kollekte auch die Aufsuchenden Familienhilfen bedacht, bei denen Mitarbeiter der KJF stark belasteten Familien bei der Stabilisierung helfen. Für Ihre Unterstützung ein herzliches Vergelt‘s Gott!


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