Passionsspiele Oberammergau "Wir wollen spielen"

01.10.2020

Der Schock saß tief in Oberammergau: Wegen Corona mussten die 42. Passionsspiele von diesem Jahr auf 2022 verschoben werden. Doch nun gibt es wieder Optimismus bei den Verantwortlichen – der Vorverkauf startet.

Mehr als 2.000 Mitwirkende sind an den Passionsspielen in Oberammergau beteiligt.
Mehr als 2.000 Mitwirkende sind an den Passionsspielen in Oberammergau beteiligt. © Birgit Gudjonsdottir

München – Den 19. März 2020 wird Christian Stückl wohl niemals vergessen. An diesem Tag musste er mit Tränen in den Augen nach einem Bescheid des Landratsamts Garmisch-Partenkirchen die 42. Oberammergauer Passionsspiele aufgrund der Corona-Pandemie absagen und auf das Jahr 2022 verschieben. „Das war ein richtiger Schlag, es war, so als ob einer den Stecker gezogen hätte“, erinnert sich der Spielleiter an diese harte Entscheidung. Doch Stückl hatte es in seinem Innern bereits geahnt, versuchten doch bereits bei der letzten großen Bühnenprobe die 400 Spieler sich bereits aus Angst vor einer etwaigen Ansteckung aus dem Weg zu gehen. Somit war die Absage auch eine Art Erleichterung. Zwei Wochen lang war Stückl nach eigenem Bekunden wie gelähmt, doch dann regten sich die Lebensgeister, es musste weitergehen – auch wenn in Oberammergau den gesamten Sommer über kaum jemand von den Passionsspielen gesprochen hätte, zu tief saßen der Schock und die Enttäuschung.

Vorverkauf ab 5. Oktober

Nun verkündete der Vollblut-Theatermann bei einer Presskonferenz im Münchner Volkstheater den Beginn des Vorverkaufs für die Passionsspiele 2022 zum 5. Oktober: „Wir werden spielen und unser Gelübde erfüllen! Wir freuen uns total, auch wenn noch viele Fragen offen sind.“ Ein Hygienekonzept werde derzeit erarbeitet. Und Andreas Rödl (35, CSU), seit diesem Jahr erster Bürgermeister des 5.470-Seelen-Dorfes, ergänzte: „Das ,Wir wollen spielen!‘ ist in Oberammergau im Genom verankert.“ Für Walter Rutz, Geschäftsführer der Passionsspiele, ging mit dem Lockdown die Arbeit erst richtig an: In den vergangenen Monaten wurden 450.000 Tickets rückabgewickelt. Jeder Kunde, der bereits gebucht hatte, hatte die Möglichkeit, die bereits erworbenen Karten entweder umzubuchen oder zu stornieren: Und das internationale Publikum hält Oberammergau auch in Corona-Zeiten die Treue und ist von der Durchführung 2022 offenbar überzeugt: „50 Prozent der Karten sind bereits für 2022 gebucht“, kann er stolz vermelden.

Im Januar 2021 wird es laut Stückl eine erneute Erfassung der spielberechtigten Oberammergauer geben. Am Aschermittwoch, 17. Februar, nächsten Jahres wird es wieder den traditionellen Haar- und Barterlass geben. Der Probenstart mit allen Mitwirkenden ist für den Dezember 2021 geplant. Alle ernannten Haupt- und Nebendarsteller behielten ihre Rollen. 103 Vorstellungen sind zwischen der Premiere am 14. Mai 2022 und der letzten Aufführung am 2. Oktober geplant.

Kein Live-Stream

Diverse Alternativ-Szenarien im Falle des Noch-Immer-Corona-Falls – etwa mit weniger Zuschauern oder Darstellern – hat Stückl im Kopf. Zur Not will man sogar statt fünfmal eben sechsmal in der Woche auf der Bühne stehen, fix sei aber natürlich noch nichts. Einen Live-Stream der Passionsspiele kann und möchte er sich indessen nicht vorstellen. Aufgrund der veränderten Lage möchte Stückl auch nochmals an die Textarbeit gehen, doch er beruhigt bereits: „Jesus wird sich nicht mit Corona beschäftigen!“

Festhalten möchte er unbedingt auch an den erstmals geplanten Jugendtagen am Wochenende vor der Premiere, um junge Menschen Stück und Botschaft näher zubringen. Einen nochmaligen Gottesdienst zur Erneuerung des Passsionsspielgelübdes wird es indessen nicht geben: „Der Segen vom lieben Gott hält schon noch“, ist Stückl fest überzeugt. 

Der Autor
Florian Ertl
Münchner Kirchenzeitung
f.ertl@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Corona - Pandemie

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