Glaube im Alltag Wirklich Weihnachten

10.12.2017

Der extrafeine Kaffeegenuss, das Festtags-Hundemenü, der überdimensionierte Adventskalender: Warum das alles mit Weihnachten nichts zu tun hat, erläutert Schwester Cosima Kiesner hier.

Kaum jemand hält sich beim Einkaufen bei den großen Ständern auf, die das ganz besondere Weihnachtsgeschenk anpreisen, hat Schwester Cosima Kiesner beobachtet. © Fotolia/zatevakhin

Normaler Einkauf – etwas anderes habe ich gar nicht vor, aber dieser übliche Wocheneinkauf, an dem ich meine sieben Sachen besorgen will, wird zum Ereignis. Überall stehen mir Sonderflächen im Weg: extragroß und extragolden. Sie bedrängen mich, und fast bin ich froh, dass ich niemanden dort herumstehen sehe, der mich zusätzlich behindert. Wie finden das die anderen Menschen, die heute ihren Einkauf erledigen? Ich schaue sie mir an, wie sie durch den Laden streifen, und blicke in ihr Gesicht.

Viele Käufer wollen wie ich schnell ihre Sachen holen. Sie streben gezielt zur Milch im Kühlregal und zur Marmeladenabteilung, zum Obst und zur Frischtheke mit den Wurst- und Fleischangeboten. Einige wenige suchen in der Backwaren-Abteilung nach den Zutaten für ihre Weihnachtsbäckerei. Kaum jemand hält sich bei den großen Ständern auf, die das ganz besondere Weihnachtsgeschenk anpreisen. In Gold- oder Silberverpackung: der extrafeine weihnachtliche Kaffeegenuss, das Festtags-Hundemenü, der überdimensionierte mit Pralinen gefüllte Adventskalender.

Schwester Cosima Kiesner ist Ordensfrau in der Congregatio Jesu. Die Theologin und Germanistin leitet des "Zentrum Maria Ward" in Augsburg und begleitet Menschen bei Exerzitien. © privat

Mich stößt das ab: Je größer und goldener die Verpackungen, umso schaler die Freude und umso größer der Überdruss. Es kann schon sein, dass so mancher in seiner Not, auch etwas Besonderes herzubringen, zu den Angeboten greift, die völlig überteuert in der Aufmachung nach „etwas“ aussehen, aber den meisten kann man wohl nichts vormachen: Das alles hat nichts mit Weihnachten zu tun. Irgendwie bin ich erleichtert. Genau diese Absurditäten, die mir beim Einkauf vor Augen geführt wurden, lassen mich umso stärker die Ungerechtigkeit empfinden, die sich zeigt: Die Sorge von Eltern, was sie den Kindern an Weihnachten überhaupt schenken können, weil sie finanziell kaum über die Runden kommen. Die Sorge von Senioren, die mit ihrer Rente nicht auskommen und sich fragen, ob sie Weihnachten überhaupt ein warmes Zimmer haben werden. Die Sorge von Alleinstehenden, wie einsam sie diesmal die Feiertage verbringen werden, die sich gefühlt endlos dahinziehen.

Trost und Geborgenheit

Genau an diese Menschen denke ich und bete für sie, dass sie den Trost finden, den Dietrich Bonhoeffer gefunden hat, als er im Gefängnis 1945 zu Weihnachten schrieb: „Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken‘ so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“ Es gibt in aller Bedrängnis und Not, in allem Leid und in aller Einsamkeit dennoch die Möglichkeit von Trost und Geborgenheit. Bonhoeffer hat das erfahren. Die adventlichen Texte sind voll davon. Sich dieser Möglichkeit zu öffnen, bedeutet, Gott eine Chance zu geben, dass Weihnachten wird. Wirklich Weihnachten.


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