Neue Studie der Deutschen Bischofskonferenz Wirtschaftswachstum – Segen oder Fluch?

10.04.2018

Eine Expertenkommission der Deutschen Bischöfe hat die Wirtschaftskritik von Papst Franziskus aufgegriffen und konkrete Reformvorschläge erarbeitet. Die Studie wird in München vorgestellt.

Papst Franziskus: "Diese Wirtschaft tötet"
Papst Franziskus: "Diese Wirtschaft tötet" © AdobeStock/exopixel

München – „Diese Wirtschaft tötet“ – mit dieser Aussage sorgte Papst Franziskus in seinem ersten Lehrschreiben Evangelii Gaudium im November 2013 für Entsetzen, Kopfschütteln, aber auch leidenschaftliche Zustimmung. Waren die Inhalte Apostolischer Lehrschreiben bislang eher ein Thema für studierte Theologen und interessierte Laien, so blickte nun die erstaunte Weltöffentlichkeit auf den Pontifex aus Argentinien, der als Erzbischof regelmäßig in Slums und Armutsgebiete von Buenos Aires gefahren war, um dort aus den Blickwinkeln der Ärmsten heraus seine Gemeinde zu verstehen.

Weitsichtiger Prophet

„Diese Wirtschaft tötet“ – eine zugespitzte, aufrüttelnde Aussage, die bei manchen Beobachtern auf heftigen Widerspruch stieß, während viele, auch kirchenferne Menschen den Papst als „weitsichtigen Propheten“ lobten. So stand der neugewählte Papst plötzlich inmitten einer der heftigsten Debatten unserer Zeit: Dient unser freiheitliches Wirtschaftssystem dem Wohl des Menschen oder führt es vermehrt zu Ungerechtigkeiten und zur Zerstörung unserer Lebensgrundlagen? Kann Wirtschaftswachstum helfen, Millionen von Menschen aus der Armut zu führen und saubere Energien zu erschließen, oder führt unsere Wachstumsfixierung zu Gier, rücksichtslosem Wettbewerb und millionenfachem Leid?

Umweltzerstörung gemeinsam bekämpfen

Zwei Jahre später legte Papst Franziskus mit Laudato Si´eine Umwelt- und Sozialenzyklika vor, in der er eindrucksvoll darlegte, dass Umweltzerstörung und soziale Ungerechtigkeiten nur gemeinsam verstanden und bekämpft werden können. Dabei erklärte er allerdings weniger, was genau getan werden muss, sondern wie, aus welcher Geisteshaltung heraus, die Probleme angegangen werden können. Die Frage, was getan werden muss und ob Wirtschaftswachstum eher als Teil des Problems oder Teil der Lösung angesehen werden kann, bleibt bis heute in Wissenschaft und Gesellschaft umstritten.

Konkrete Handlungsvorschläge

Die Deutsche Bischofskonferenz nahm dies zum Anlass, mit ihrer Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“ eine aufwendige Untersuchung und Stellungnahme unter dem Titel „Raus aus der Wachstumsgesellschaft?“ zu erarbeiten. Eineinhalb Jahre lang haben hochrangige Experten, darunter einige der führenden deutschen Wirtschaftsexperten und Vertreter der wachstumskritischen „Postwachstums-Bewegung“ intensiv miteinander diskutiert und gerungen und veröffentlichen nun in Kürze ihre knapp 90-seitige Studie mit konkreten Handlungsvorschlägen.

Die Ergebnisse der Studie mit dem Titel „Raus aus der Wachstumsgesellschaft? Eine sozialethische Analyse und Bewertung von Postwachstumsstrategien“ werden am 20. April mit dem Vorsitzenden der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Ludwig Schick, und dem Vorsitzenden der Sachverständigengruppe „Weltwirtschaft und Sozialethik“, Prof. Johannes Wallacher, in München an der Hochschule für Philosophie vorgestellt.

Dient nun Wachstum dem Menschen oder müssen wir die offensichtliche Wachstumsfixierung unserer Gesellschaft überwinden, um eine nachhaltigere, gerechtere Gesellschaftsordnung zu schaffen? Fünfmal innerhalb von eineinhalb Jahren trafen sich die Experten der Sachverständigengruppe um gemeinsam darüber zu diskutieren: dreimal in Frankfurt und zwei Tage lang im Münchner Exerzitienhaus Schloss Fürstenried; unter den Teilnehmern der Chef des Ifo-Instituts für Außenwirtschaft, Prof. Gabriel Felbermayr, und die Ehrenvorsitzende des Bund Naturschutz und Vordenkerin der Postwachstums-Bewegung Prof. Angelika Zahrnt.

Gemeinsame Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Nach langen Diskussionen zeigt sich, dass die derzeitigen Anstrengungen um Klimaschutz und eine gerechtere Gesellschaft bei weitem noch nicht ausreichen. Es bedarf vor allem einer besseren Steuerung wirtschaftlicher Anreize und einer gerechteren Kostenverteilung, aber auch eines grundlegenden Kulturwandels. Die Experten beziehen dabei Stellung zu so umstrittenen Fragen wie der Förderung von Diesel und Flugbenzin, der sozialen Gerechtigkeit bei steigenden Energiepreisen und dem Wert von Boden und der Spekulation mit Agrar- und Bauland. Grundlage für eine erfolgreiche Umsetzung sind aber weiterhin gemeinsame, partnerschaftliche Anstrengungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. (Stefan Einsiedel/ Alexander Heindl, die Autoren sind Mitarbeiter am Zentrum für Globale Fragen an der Hochschule für Philosophie in München)

Anmeldung zum Dialogforum

Gemäß der Mahnung von Papst Franziskus, auf Augenhöhe miteinander zu diskutieren und allen Betroffenen zur partnerschaftlichen „Sorge um das gemeinsame Haus“ zu versammeln, wird es am Freitag, 20. April, 11:30 bis 18:00 Uhr ein öffentliches Dialogforum geben. In dem werden führende Vertreter von Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft untereinander und mit den Gästen über die Möglichkeiten einer ökologisch-sozialen Modernisierung diskutieren. Anmelden können Sie sich hier.

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Umweltschutz

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