Vom Umgang mit Demenz Würde und Spiritualität im Alter

13.08.2013

Menschen mit einer Demenz sind dabei „die Welt zu verlernen“ (Nelly Sachs); sie müssen erleben, dass sie den Alltag immer weniger bewältigen können.

Dr. Marianne Habersetzer ist Hauptabteilungsleiterin Generationen und Lebensalter beim Erzbischöflichen Ordinariat (Bild: Münchner Kirchenzeitung)

Vergesslichkeit ist der Anfang, Konzentrationsschwierigkeiten und Fehleinschätzungen von Situationen folgen. Manchen fällt es zunehmend schwer, sich zu artikulieren. Sie leiden an Orientierungs­störungen, verlieren ihre „innere Uhr“ und finden sich in ihrer Umgebung nicht mehr zurecht. Ungewohnte Situationen empfinden sie als Bedrohung. Sie versinken mehr und mehr in sich selbst und in eine eigene Welt. Angehörige müssen kontinuierlich Ab­schied nehmen von dem Menschen, den sie bisher gekannt haben. Sie müssen immer wieder versuchen, in die Welt des Kran­ken einzutauchen, um ihn zu verstehen. In der Begleitung dieser verwirrten Menschen braucht es sehr viel Geduld und Toleranz.

Dies ist eine große Herausforderung, auch für uns in der Kirche, wenn wir verwirrten Menschen in den Altenheimen und in den Privathaushalten im Sprengel der Pfarrge­ meinden begegnen. Es gilt, sowohl die Kran­ken als auch die Angehörigen und das Pfle­gepersonal zu begleiten und in das kirchliche und spirituelle Leben zu integrieren. Oft kommt es erst bei der Beerdigung zur Spra­che, dass der Verstorbene lange Zeit unter einer dementiellen Erkrankung gelitten hat. Daher ist die Bereitschaft zu fördern, diese Menschen liebevoll anzunehmen, vor allem auch im sonntäglichen Gottesdienst. Denn altersverwirrte Menschen sind – wie alle an­deren – Glieder des Leibes Christi. Wenn sie körperlich dazu in der Lage sind, ist ihr Platz im Gottesdienst der Gemeinde. Dabei geht es immer auch um Würde. Die Würde sprechen wir uns nicht zu, darum können wir sie uns auch nicht absprechen. Sie ist vorgegeben – von Gott geschenkt – nicht verfügbar, auch nicht, wenn Menschen in hohem Alter an einer Demenzerkrankung leiden. Für mich stellt sich immer wieder neu die Frage: Was möchte uns Gott durch die alten und gerade auch durch die dementen Menschen sagen? Wer sind sie für uns? Je län­ger ich diese Menschen begleite, umso mehr liegen sie mir am Herzen. Für mich sind sie Prophetinnen und Propheten, die uns geschickt sind und uns helfen, das ganze Leben in den Blick zu nehmen und anzunehmen, einen Sinn in allen Phasen und Befindlichkeiten zu finden und schließlich das Leben auf der Folie der Botschaft Jesu Christi und der Zusage unseres Gottes zu deuten.

Dr. Marianne Habersetzer ist Hauptabteilungsleiterin Generationen und Lebensalter beim Erzbischöflichen Ordinariat.


Das könnte Sie auch interessieren

Vom Umgang mit Demenz Bedürfnis nach Vertrautheit

Wo gehen wir jetzt hin? Was gibt es dort? Fragen von Menschen, die dementiell er­krankt sind und denen ich unser Vorhaben, einen Spaziergang im Garten zu machen, ge­rade erklärt habe.

13.08.2013

Vom Umgang mit Demenz Bedürfnis nach Vertrautheit

Wo gehen wir jetzt hin? Was gibt es dort? Fragen von Menschen, die dementiell er­krankt sind und denen ich unser Vorhaben, einen Spaziergang im Garten zu machen, ge­rade erklärt habe.

13.08.2013

Vom Umgang mit Demenz Größtmögliche Freiräume

Wir, die wir denken im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte zu sein, können wahrscheinlich nicht ermeissen, was die Diagnose Demenz für einen älteren Menschen bedeutet.

13.08.2013

Vom Umgang mit Demenz Größtmögliche Freiräume

Wir, die wir denken im Vollbesitz unserer geistigen Kräfte zu sein, können wahrscheinlich nicht ermeissen, was die Diagnose Demenz für einen älteren Menschen bedeutet.

13.08.2013

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren