Kirchweih "Zacherl" lädt zum „Allerweltskirta“

16.10.2019

Die rot-weißen Zachäusfahnen kündigen das Kirchweihfest an. Woher sie ihren Namen haben und was es mit dem allgemeinen Kirchweihtag auf sich hat, erfahren Sie hier.

Zur Kirchweih hängt die Zachäusfahne an vielen Kirchtürmen.
Zur Kirchweih hängt die Zachäusfahne an vielen Kirchtürmen. © privat

Es war früher eines der höchsten Kirchenfeste überhaupt und wurde mit prunkvollem Gottesdienst, Tanz und Festessen ausgiebig gefeiert: das Kirchweihfest am dritten Sonntag im Oktober. Aber warum ein allgemeiner Kirchweihtag, wenn doch jede Kirche ihren individuellen Weihetag hat?

Des Weihetags einer Kirche wurde früher nicht nur im Gottesdienst gedacht. Die Gläubigen – auch aus den benachbarten Dörfern – feierten ebenso ganz weltlich bei Speis, Trank und Tanz. Ganze Jahrmärkte wurden rund um die Kirchweihfeste errichtet. Um die zahlreichen Volksfeste, während derer die Arbeit ruhte, einzuschränken, führten die bayerischen Bistümer 1866 die so genannte „Allerweltskirta“ am dritten Sonntag im Oktober ein.

Der Termin im Oktober war ganz bewusst gewählt. Am Land war die Ernte weitgehend abgeschlossen. So hatten die Menschen Zeit, Grund und Geld zum Feiern. Die fahrenden Händler boten Geschirr, Gewand und anderen nützlichen Dinge an. Für die jungen Leute waren die Feste ein beliebter Treffpunkt und eine der wenigen Möglichkeiten einen potenziellen Ehepartner kennen zu lernen. Manche Dörfer feierten nun freilich zweimal – an ihrem eigentlichen und am allgemeinen Kirchweihtag. Auch heute ist die Kirchweih ein beliebtes Fest, das viele Besucher anlockt. Von weit her wehen schon die Fahnen am Glockenturm und laden ein.

Biblischer Namensgeber

Es sind ganz bestimmte Fahnen: roter Hintergrund und ein dezentes weißes Kreuz. Man nennt sie Zachäusfahnen. Wie es zu dem Namen kommt, erklärt Kirchenhistoriker Roland Götz: „Das bezieht sich auf das Evangelium beim Kirchweihfest, wo der Zöllner Zachäus auf einen Baum steigt, um Jesus sehen zu können. Von dieser biblischen Gestalt hat dann die Fahne ihren Namen bekommen.“

Der „Zacherl“ wird die Fahne gern auch liebevoll im bayrischen Volksmund genannt. Die Farben rot und weiß mögen manch einen verwundern. Denn in der katholischen Kirche sind traditionell eher die Farben gelb und weiß als päpstliche Farben beliebt. „Der Volksmund hat eine Erklärung für die Farben rot und weiß“, sagt Robert Hölzl, Meister im Stickerhandwerk und Chef der Kunststickerei Eibl in Olching. „Der Zachäus, der ein kleiner Mann war, hat sich beim Kraxeln auf den Baum ein Loch in seine rote Hose gerissen. Und danach ist ein Zipfel des weißen Hemdes aus der roten Hose herausgehangen.“

Die Zachäus-Fahnen wurden früher aus Baumwolle angefertigt, heute aus hochfestem Polyester.
Die Zachäus-Fahnen wurden früher aus Baumwolle angefertigt, heute aus hochfestem Polyester. © SMB/Knappe

Handlich muss sie sein

Die Zachäusfahne wird übrigens nicht gestickt, wie die meisten Kirchenfahnen. Denn der „Zacherl“ muss handlich sein, betont Hölzl: „Sie muss ja oft durch ein ziemlich kleines Fenster am Glockenturm durchgeschoben werden, muss also leicht sein.“ Eine gestickte Fahne wäre zu schwer, zu steif. Gestickte Fahnen trägt man besser bei Umzügen und Prozessionen mit. Fürs Freie, zum Raushängen bei Wind und Wetter ist eine gestickte Fahne nicht besonders geeignet.

Die Zachäusfahnen wurden früher aus Baumwolle angefertigt, heute aus hochfestem Polyester. Am unteren Ende sind Gewichte eingenäht, und zwar Bleibänder, denn die Fahne muss ja gut fallen. Sie wird sehr unterschiedlich hergestellt, in Breite und Länge. Denn jeder Kirchturm ist anders gebaut, jeder hat eine andere Halterung, so Hölzl: „Teilweise wird noch eine Halteleine dazu gefertigt, dass sich die Fahne nicht verheddert oder es sie in die Uhr des Glockenturms reinweht. Das muss alles berücksichtigt werden. Darum wird jede Fahne individuell gefertigt.“

Es wünschen sich offensichtlich immer noch viele Pfarrgemeinden eine Zachäusfahne. Die Kunststickerei Eibl jedenfalls fertigt im Jahr so zwischen 20 und 30 neue Exemplare an. (Eva-Maria Knappe)


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