Aufarbeitung und Entschädigung Zehn Jahre Missbrauchsskandal

28.01.2020

Im Januar 2010 werden die ersten Missbrauchsfälle bekannt. Bis heute dauert der Aufarbeitungsprozess an. Experten fordern mehr Anstrengung.

Schatten eines Kruzifixes auf einer Wand.
Vor zehn Jahren wurden Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg publik. © Harald Oppitz/KNA

Berlin – Zehn Jahre nach Bekanntwerden des Missbrauchsskandals haben Experten und Betroffene am Dienstag mehr gesamtgesellschaftliche Anstrengungen beim Kampf gegen den sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen gefordert.

So verlangte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, einen Pakt gegen sexuellen Missbrauch. An diesem müssten sich neben der Politik und den Kirchen, Schulen und Sportverbänden auch die Zivilgesellschaft, die Medien sowie Mediziner beteiligen. Ziel müsse die "maximale Verringerung der Gewaltverbrechen gegen Kinder und Jugendliche sein". Die bislang ergriffenen Maßnahmen seien unzureichend.

Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne

Vor zehn Jahren wurden Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg publik. In den folgenden Monaten wurden weitere Fälle in anderen kirchlichen, aber auch weltlichen Einrichtungen wie der Odenwaldschule öffentlich. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) verzeichnet jährlich mehr als 20.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch sowie Missbrauchsabbildungen von Kindern.

Der Kampf gegen sexuellen Missbrauch dürfe nicht am Geld scheitern, so Rörig. Er plane eine Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne ähnlich der Anti-Aids-Kampagne in den 1980er Jahren. Dazu brauche es rund fünf Millionen Euro jährlich.

Geduld für die weitere Aufarbeitung

Der Sprecher der Opfer-Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, betonte mit Blick auf die katholische Kirche, die Bischöfe begännen erst jetzt, sich ihrer Verantwortung zu stellen. In der Entschädigungsfrage liege ein machbarer Vorschlag auf dem Tisch. Jetzt müssten sich die Bischöfe dazu verhalten. Die von einer Arbeitsgruppe vorgelegten Empfehlungen sehen Entschädigungen von bis zu 400.000 Euro vor. Katsch kritisierte zudem die Evangelische Kirche. Diese ducke sich weg und verhalte sich bei der Entschädigungsfrage so, als ob es sie nichts anginge.

Unterdessen baten die katholischen Bischöfe um Geduld für die weitere Aufarbeitung. Bei ihrer turnusmäßigen Sitzung in Würzburg, dem Ständigen Rat, erklärten sie: Die aus der jüngsten Missbrauchs-Untersuchung, der sogenannten MHG-Studie, erwachsenen Vorhaben bräuchten Zeit zur Bearbeitung. "Diese Zeit brauchen wir und wir hoffen dafür auf Verständnis; aus der Verantwortung werden wir uns nicht nehmen." Zu diesen Vorhaben zählen die Bischöfe unter anderem ein "verbindliches überdiözesanes Monitoring für die Bereiche der Aufarbeitung, Intervention und Prävention", standardisierte Personalakten von Klerikern sowie "die Fortentwicklung des Verfahrens zur materiellen Anerkennung erlittenen Leids".

Kirche habe sich verändert

Der Jesuitenpater Klaus Mertes, der vor zehn Jahren Leiter des Canisius-Kollegs war und die Aufklärung ins Rollen brachte, betonte, durch das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle habe sich die Kirche verändert. Es seien heute wieder Themen ansprechbar, die früher nicht ansprechbar gewesen seien, sagte Mertes im Deutschlandfunk. Zugleich sei innerhalb der Kirche eine Spaltung sichtbar geworden, unter der der Aufarbeitungsprozess leide. Er beklagte eine "reaktionäre Verweigerungsfront" bei einem Teil der Bischöfe, die sich den notwendigen systemischen Veränderungen in der Kirche nicht stellten. (kna)


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