Kinder lernen erst mit "Zeit" umzugehen Zeit – ein gelerntes Phänomen

31.10.2018

Zeit haben wir einfach immer zu wenig – aber wie lernen wir eigentlich „Zeitbegriffe“? Kinder haben nämlich noch keine Ahnung, was zehn Minuten oder eine halbe Stunde sind...

Eine Sanduhr - wunderbar geeignet, um mit Kindern "Zeit empfinden" zu üben.
Eine Sanduhr - wunderbar geeignet, um mit Kindern "Zeit empfinden" zu üben. © beeboys - stock.adobe.com

München – „Fünf Minuten noch, dann gehen wir los!“, eine Aufforderung, das können die meisten Mamas und Papas bestätigen, die meist wenig bringt und besonders morgens oft zu Krach in den Familien führt. Der Grund dafür sei eigentlich einfach, erzählt Pädagogin Elke Leitenstorfer. Kinder lernen erst, Zeit richtig einzuschätzen.

Zeit-Erfahrungen machen

Ein Neugeborenes ist erst mal nur von seinen Grundbedürfnissen Schlaf, Hunger und Körperkontakt gesteuert und nicht mal Tag und Nacht spielen dabei eine Rolle. Im Laufe der ersten Wochen und Monate beginnt es Tag und Nacht zu unterscheiden, es begreift, dass zu bestimmten Zeiten gegessen und ins Bett gegangen wird. Trotzdem kann ein Kindergartenkind meist noch nichts mit Zeitangaben wie „in fünf oder zehn Minuten“ anfangen. Kinder leben in der Gegenwart und können den Augenblick genießen. Das ist auch wichtig für die Entwicklung und das Lernen eines Kindes. Ein Großvater, der dem Kind die Zeit gibt, auf dem Heimweg vom Kindergarten stehen zu bleiben, nasses Laub anzufassen, in Pfützen zu springen und alles genau anzuschauen, ermöglicht dem Kind vielfältige Erfahrungen.

Trotzdem muss Zeit "eingeübt" werden. Deshalb, so die Pädagogin, sei es durchaus sinnvoll, dem Kind beispielsweise durch eine Sanduhr immer wieder zu verdeutlichen, was zwei Minuten beim Zähneputzen sind oder auf der Uhr zu zeigen, wann die halbe Stunde, bis es ins Bett geht, um ist. Auch Routine und Rituale sind für Kinder besonders wichtig, um einzuüben, was zu welcher Tageszeit geschieht und was lange und was kurz dauert.

Konkrete Zeitangaben

Elke Leitenstorfer empfiehlt dabei auch den Eltern, mit gutem Beispiel voranzugehen und Zeitangaben so genau wie möglich zu machen. Gar nicht selten kommt es vor, dass man als Mama oder Papa sagt „gleich koche ich“ oder „gleich fahren wir zur Oma“ - dann wird aber noch die Wäsche aufgehängt, man zieht sich schnell um oder telefoniert noch eben eine Viertelstunde. „Gleich ist das nicht“, meint die Erzieherin und Pädagogin schmunzelnd. „Erwarten wir von den Kindern, dass sie sich an Zeitangaben halten, müssen wir das auch selbst tun“.

Noch schwieriger als Minutenangaben sind für Kindergartenkinder noch Zeitangaben wie „Gestern“, „Morgen“ oder „Übermorgen. Schließlich ist was gestern noch „Morgen“ war, heute „Heute“. Kinder lernen das langsam, üben solche Zeitbegriffe gerade auch in der ersten Klasse in der Grundschule intensiv ein, aber das dauert seine Zeit.

Zur Ruhe kommen

Das Lernen von Zeitbegriffen ist das eine, Elke Leitenstorfer betont allerdings auch, wie wichtig schon für Kinder „Entschleunigung“ ist. Selbst der Tag eines Kindergartenkindes sei heute oft streng durchgetaktet. Viele Einrichtungen hätten ein straffes Programm, je mehr Förderung, desto besser. Das muss nicht sein, sagt Leitenstorfer. Kinder brauchen Zeit für Freispiel, für eigene Erfahrungen, für Entdeckungen in der Natur und intensives Spiel mit den anderen Mädchen und Buben. Und das gilt genauso für die Freizeit. Ein Kind im Kindergarten- oder Grundschulalter braucht nicht jeden Nachmittag ein anderes Hobby, sondern auch wirkliche „Freizeit“ zum Spielen, Entspannen und Runterkommen – Entschleunigung.

Die Autorin
Stefanie Schmid
Radio-Redaktion
s.schmid@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Thema Monat der Spiritualität

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