Moderne Gesellschaft Zeitalter der Einsamkeit?

21.03.2020

Altabt Notker Wolf erklärt im Interview, warum heutzutage so viele Menschen einsam sind und wie wir damit umgehen können.

Altabt Notker Wolf
Beststeller-?Autor Notker Wolf trat 1961 in die Benediktinerabtei St. Ottilien ein. Von 2000 bis 2016 war er als Abtprimas des Benediktinerordens der höchste Repräsentant von mehr als 800 Klöstern und Abteien weltweit. © KNA

mk online: Sie haben ein neues Buch veröffentlicht mit dem Titel „Ich denke an Sie“, in dem Sie die Einsamkeit thematisieren. Aus welchem Grund haben Sie dieses Thema aufgegriffen?

Altabt Notker Wolf: Das hat einen konkreten Hintergrund, vor allem der Titel: „Ich denke an Sie“. Ich war vor einiger Zeit bei einem protestantischen Pastor zu einem Vortrag eingeladen. Auf dem Weg vom Flughafen zur Pfarrei erzählte er mir, dass seine Ehe zerbrochen sei und seine Frau und er dabei seien, jetzt das Vermögen und die Kinder aufzuteilen. Das finde ich natürlich äußerst tragisch, aber das ist eine menschliche Sache. Am nächsten Tag, auf dem Rückweg zum Flughafen, redeten wir nochmals, und ich sagte ihm zum Schluss: „Herr Pfarrer, ich kann nichts tun für Sie, aber ich denke an Sie.“ Und dann schrieb er mir nach zwei Tagen in einer E-mail: „Das war das wichtigste Wort seit langer Zeit.“ Ich denke seitdem immer wieder an ihn. Das ist also nicht so dahingesagt. Ich habe viele Situationen, in denen ich zu Menschen sage: „Ich denke an Sie.“ Ich nehme auch Menschen mit in mein Gebet hinein, das tut ihnen gut und nimmt sie heraus aus ihrer Einsamkeit.

Was bedeutet Einsamkeit denn überhaupt?

Wolf: Einsamkeit hat natürlich verschiedene Ursachen. Sie kann Stille bedeuten, dann ist sie positiv. Einsamkeit kann aber auch heißen, dass ich niemanden habe, mit dem ich reden kann, was in Deutschland angeblich bei einer großen Anzahl von Menschen der Fall ist. Um diesen Zustand zu beenden, würde ich ganz praktisch vorgehen. Ein Beispiel: Mir hat jemand vor längerer Zeit geschrieben, er sei vom Rhein in den Hunsrück gezogen und lebe jetzt wieder mit seiner Frau alleine. Er beklagte, dass die Freunde vom Rhein ihn nicht besuchten. Ich habe dann zurückgeschrieben: „Besuchen Sie denn Ihre Freunde?“ Wenn ich woanders hingehe, muss ich mir wieder einen Freundeskreis aufbauen, sonst erstarre ich in einer Selbstisolierung.

Würden Sie sagen, dass jeder Mensch, der einsam ist, dafür auch ein Stück weit selbst Verantwortung trägt?

Wolf: Ich würde sagen ja, denn jeder Mensch kann aus sich herausgehen. Man braucht nur auf andere Menschen zuzugehen. Ich habe einmal in einem Kloster erlebt, dass mir zahlreiche Konventmitglieder in Privatgesprächen sagten: „Keiner interessiert sich für mich.“ Und meine Gegenfrage war jedes Mal: „Für wen interessierst Du Dich?“ Dadurch entstand oft ein enormes Erstaunen, denn daran haben die meisten nicht gedacht.

Ist Einsamkeit ein spezielles Phänomen unserer Zeit?

Wolf: Ja, weil wir das Vertrauen in andere Menschen verloren haben. Wir vertrauen nur noch auf uns selbst und sind, überzogen gesagt, manchmal ziemliche Egomanen. Vertrauen bedeutet aber, dass ich mir bei einem anderen Menschen Sicherheit hole. Beim Glauben ist es ähnlich. Ich kann nicht die Sicherheit des Glaubens aus mir holen. Das ereignet sich, das sind keine planbaren Dinge. Vertrauen kann rasch verloren gehen und ist schwer wieder aufzubauen.

In unserer Gesellschaft ist ja häufig Mobilität gefordert. Glauben Sie, dass dies die Einsamkeit fördert?

Wolf: Mit Sicherheit, denn wir haben nicht mehr die Stabilität, die wir früher hatten. Und wenn wir meinen, eine gute Beziehung aufgebaut zu haben, dann wird sie schon wieder zerrissen, weil ich wegziehen muss. Wir brauchen Bezugspersonen, und zwar in jedem Lebensalter.

Würden Sie sagen, dass wir in einem Zeitalter der Einsamkeit leben?

Wolf: Wir leben in einem Zeitalter des Individualismus. In München gibt es ja rund 30 Prozent Single-Haushalte. Dies zeigt aus meiner Sicht auch ein wenig, dass wir uns selbst isolieren, weil wir niemandem mehr vertrauen. Wenn der Glaube in der Gesellschaft verdunstet, dann gibt es auch kein Vertrauen mehr.

Woran liegt es, dass in unserer Gesellschaft das Vertrauen geringer geworden ist?

Wolf: Weil uns in der Erziehung die Vertrauenserfahrung abgeht. Vielfach haben wir Patchworkfamilien, und die Kinder werden auseinandergerissen. Wer ist mein Papa, fragt sich manches Kind, wenn es zwei Papas hat. Wie soll da ein Kind noch Vertrauen aufbauen? Vielleicht zu einer Lehrerin oder einem Lehrer. Aber das Normalste ist, dass ich eine Mutter und einen Vater habe, die Vertrauen in mich setzen und ich in sie. Wenn man das als Kind erfahren hat, kann man es später auch weitergeben.

Findet in unserer Gesellschaft eine Entfamilisierung statt?

Wolf: Zum Teil hat sie schon stattgefunden. Umso mehr taucht bei jungen Leuten wieder die Sehnsucht nach Familie auf, die Sehnsucht nach Gemeinschaft. Wir sind nicht zum Alleinsein geboren. Wir wollen miteinander reden. Das habe ich auch selbst gemerkt, als ich aus Rom in meine Gemeinschaft nach St. Ottilien zurückgekommen und hier geborgen bin. Das schafft eine enorme Sicherheit.

Welchen Anteil haben soziale Medien daran, dass es immer mehr einsame Menschen gibt?

Wolf: Soziale Medien verführen den Menschen, sie immer mehr zu benutzen und die ganze Zeit dafür zu verwenden. Wenn ich das so beobachte, merke ich, dass die Leute nicht mehr miteinander reden, nicht einmal bei Tisch. Selbst da wird das Smartphone rausgeholt und jedes Gespräch unterbrochen. Da gibt es in einem kleineren Kreis nur eine Möglichkeit, nämlich aufzustehen und zu gehen. Das habe ich schon zwei- oder dreimal gemacht, das hat die Menschen dann erschüttert.

Gibt es auch im Kloster eine Art Abhängigkeit von sozialen Medien?

Wolf: Nicht in Bezug auf Handys, weil nicht viele von uns Handys haben. Während der Mahlzeiten kommt bei uns der Gebrauch eines Smartphones überhaupt nicht in Frage, da wir ja einen Tischleser haben, dem wir ganz gerne zuhören. Ansonsten beschäftigen wir uns lieber mit dem Essen.

Was kann die Kirche gegen die zunehmende Einsamkeit unternehmen?

Wolf: Sie sollte den Menschen Nähe schenken. Beispielsweise beim Tod, bei der Geburt oder auch bei der Erstkommunion, bei der Firmung und bei der Eheschließung. Sie sollte sich Zeit nehmen und mit den Menschen reden. Diese müssen spüren, dass noch jemand für sie da ist. Und das Wichtigste für einen gläubigen Menschen ist zu wissen: „Gott ist für mich da.“ „Seht, ich bin bei Euch bis ans Ende der Tage“ – der Seelsorger müsste das eigentlich verkörpern. Wobei für mich nicht nur der Pfarrer ein Seelsorger sein sollte. Wir sind doch alle getauft und haben Teil an diesem Charisma. Es gibt auch viele Menschen außerhalb der Kirche, die beispielsweise sehr gut trösten können.

Die Einsamkeit nimmt ja normalerweise im Alter zu, wenn immer mehr Weggefährten von uns gehen. Das ist der Lauf der Dinge, aber wie kann man damit umgehen?

Wolf: Ich merke das auch zum Teil. Hier zeigt sich wieder der Nachteil, dass wir keine Großfamilien mehr haben. Da gehören die Großeltern einfach dazu und übernehmen auch Verantwortung für die Enkel. Früher gab es oft Treffen in der Nachbarschaft, das ist heute selten geworden. Man muss Gemeinschaft bilden. Ich habe mal gesagt: „Alle wollen getragen werden, und wer trägt?“ Jeder muss auf andere zugehen und darf nicht darauf warten, dass andere kommen.

Sie schreiben, dass die Geborgenheit ein gewichtiges Pfund gegen Einsamkeit ist. Wo kann ich diese finden?

Wolf: Ich finde Geborgenheit, indem ich weiß, ich bin nie alleine, denn Gott ist bei mir. Manchmal fragen wir uns, wo Gott ist, aber er hat uns die Zusage gegeben: „Ich bin bei Dir!“ Und damit ist eine Grundgeborgenheit gegeben. In der Komplet singen wir: „In Deine Hände, oh Herr, empfehle ich meinen Geist.“ Das waren ja auch die Worte Jesu am Kreuz. Und darin habe ich eine umfassende Geborgenheit, selbst wenn ich von Menschen nicht groß anerkannt werde.

Was ist mit Menschen, die keinen Glauben haben?

Wolf: Die bedauere ich. Aber wenn beispielsweise Eltern keinen Glauben haben, können sie ihren Kindern trotzdem Geborgenheit schenken, indem sie für diese sorgen und sich kümmern. Und damit erfahren die Kinder zweifelsohne eine große Geborgenheit.

Welchen Rat würden Sie unserer Gesellschaft geben, um die Einsamkeit zu verringern?

Wolf: Schenken Sie Gemeinschaft, suchen Sie Gemeinschaft. Wir sind nicht zum Alleinsein geboren. Wenn das funktioniert, lernt man auch Toleranz und erkennt, dass es viele Meinungen gibt, nicht nur meine eigene. Dann werden auch die eigenen Probleme in einen größeren Horizont gestellt, und vieles schaut anders aus. In diesem Zusammenhang sind Präsenz und Berührungen wichtig. Möglichst unkompliziert dem anderen zu zeigen, dass man an ihn denkt. (Das Interview führte Petra Altmann)



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