Serie: Auf eine Fastensuppe mit... Zeitlebens sozial engagiert

05.04.2019

Bei einer lupenreinen Gemüsesuppe erzählte die erste diözesane Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier, warum sie einmal mit recht flauem Gefühl im Magen zum damaligen Münchner Erzbischof Kardinal Joseph Ratzinger gegangen ist.

Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier (rechts) löffelt mit MK-Redakteurin Susanne Holzapfel die Suppe aus.
Caritas-Vorständin Gabriele Stark-Angermeier (rechts) löffelt mit MK-Redakteurin Susanne Holzapfel die Suppe aus. © Kiderle

München – Man kann, wenn man sich trifft, um gemeinsam ein Fastensüppchen zu löffeln, über das Fasten sprechen. Man kann aber auch, wenn es sich ergibt, über eine und mit einer Frau sprechen, die so viel mehr zu erzählen hat und das auch gern und unterhaltsam tut. Man kann aber auch ein bisschen abdriften und erfährt dabei eine ganze Menge über soziale Arbeit, Feminismus, das Dasein als erste Vorständin beim Diözesan-Caritasverband und wie es gewesen ist, als Gabriele Stark-Angermeier einmal zum Erzbischof zitiert worden ist und dabei schon ein recht flaues Gefühl in der Magengegend hatte.

Kulinarisches Rundum-Wohlfühlpaket

Das, was wir von Petra Wallner, der Assistentin von Gabriele Stark-Angermeier und Suppen-Organisatorin, kredenzt bekommen, muss ohne Übertreibung als Bilderbuch-Exemplar der Vorspeisen-Gattung bezeichnet werden. Eine lupenreine Gemüsesuppe, die es einem schwermacht zu entscheiden, ob man das Aussehen, den Geruch oder den Geschmack mehr loben soll. Wir halten uns nicht lange mit dieser Frage auf, sondern freuen uns, dass das Essen aus der Caritas-Kantine, das von Mitarbeitern des Weißen Raben zubereitet worden ist, so ein Rundum-Wohlfühlpaket ist. Abgesehen von der heimeligen Stimmung, die sich augenblicklich im Vorständinnen-Büro ausbreitet, wenn es aus den großen Tellern dampft, bietet sich für die Gastgeberin gleich eine wunderbare Gelegenheit, ein wenig vom Segen des Weißen Raben, eines Verbands für Menschen mit Unterstützungsbedarf, zu schwärmen. „Das ist so eine gute Sache, dass die Menschen hier Arbeit gefunden haben. Und wir profitieren alle davon“, sagt Stark-Angermeier, während sie genießerisch den Löffel in der Suppe kreisen lässt.

Überhaupt das Soziale, das verkörpert diese Frau mit dem schnörkellosen Kurzhaarschnitt schon seit vielen Jahren ebenso authentisch wie engagiert. Alte Menschen, Kranke, Menschen mit Behinderung, Alleinerziehende, Kinder und Migranten – es gibt wohl keine Gruppe, die einer besonderen Beachtung in der Gesellschaft bedarf, für die sich die studierte Sozialpädagogin im Laufe ihrer beinahe 30-jährigen Arbeit für den Caritasverband an den verschiedensten Standorten nicht eingesetzt hätte. Seit einem Jahr nun ist Stark-Angermeier im Vorstand der Caritas und damit das erste weibliche Mitglied in diesem bislang exklusiven Herrenzirkel. Probleme hat sie damit keine, allerdings habe sie sich auch erst einmal daran gewöhnen müssen, dass da viel ge- und besprochen würde, um in der Theorie alles niet- und nagelfest zu machen, was dann in der Praxis vielleicht doch ganz anders umgesetzt werden müsse.

Feministische Anteile

„Ich bin froh, dass die Verhältnisse sich gewandelt haben, und Frauen heute ganz andere Möglichkeiten haben, sich beruflich zu verwirklichen“, sagt die Frau, die das R so wunderbar rollen kann, dass sich die Frage, ob sie eine gebürtige Münchnerin ist, erübrigt. Sie selbst hätte beim Einstellungsgespräch für ihre erste Stelle als Jugendpflegerin noch darauf antworten müssen, wie sie es sich denn vorstellen würde, ihre Berufstätigkeit mit der Erziehung eines Kindes vereinbaren zu können. Noch heute ist Stark-Angermeier, die inzwischen zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel hat, einigermaßen empört darüber, dass männliche Mitbewerber danach selbstverständlich nicht gefragt wurden. „Heute wäre das ein absolutes No-Go“, beendet sie diese Reminiszenz und kann auf die Frage, ob sie denn eigentlich eine Feministin sei, nicht anders, als das einzuräumen. „Ich würde sagen, dass ich gewisse feministische Anteile habe.“

Stark-Angermeier hat also, das kann man mit Fug und Recht behaupten, Karriere gemacht. Allerdings fehlt der zupackenden 57-Jährigen schon hin und wieder der Kontakt zu den Menschen draußen, weswegen sie sich zwischendurch immer mal wieder auf den Weg in verschiedene Einrichtungen macht, um nachzuschauen, wie das „echte Leben“ geht, und wo da wen der Schuh drückt. „Natürlich habe ich mich an die Arbeit und die Herangehensweisen hier in der Vorstandsarbeit erst gewöhnen müssen“, berichtet Stark-Angermeier. Nach einem Jahr im Amt und einem 365-Tage-Turnus weiß sie jetzt, wie der Hase läuft und warum es eben manchmal wichtig ist, in vielen Sitzungen viele Probleme von vielen Seiten zu beleuchten, auch wenn ihr Temperament hin und wieder gerne ein anderes Tempo einschlagen würde.

Um Achtsamkeit bemühen

Als die Teller abgeräumt sind, ist eine gute Gelegenheit gekommen, um die zeitlebens beruflich und privat engagierte Katholikin nach ihrem Verhältnis zum Fasten zu fragen. Bevor Gabriele Stark-Angermeier antwortet, atmet sie noch einmal tief und mit einem kleinen Zischlaut durch den halb geöffneten Mund ein und sagt dann geradeheraus: „Das ist schwierig. Also Fasten im Sinne von Verzicht auf Nahrung, nein, das ist nicht Meins, dazu esse ich viel zu gerne.“ Trotzdem haben die 40 Tage von Aschermittwoch bis Ostern eine besondere Bedeutung für sie: „Es ist ein Zeitabschnitt, in dem ich mich immer ganz besonders um Achtsamkeit bemühe. Also ganz bewusst und gezielt.“ Das beginne schon damit, dass sie morgens vor der Arbeit ausgiebiger als sonst ihre Yoga-Übungen macht, sozusagen als Einstimmung auf einen Tag, der trotz Termindruck ein bewusst erlebter und kein durchhetzter werden soll. „Ja“, bekräftigt Stark-Angermeier, „das verknüpfe ich mit der Fastenzeit und das schätze ich sehr.“

Zu Kardinal Ratzinger zitiert

Nach einer Stunde gemeinsamen Suppenlöffelns verwundert es einen nicht mehr, dass die Gastgeberin auch in diesem Bereich ihren eigenen Regeln folgt, statt Konventionen zu beachten, die für sie nun mal nicht passen. Ganz und gar passend ist allerdings die Geschichte, die sie über ihr erstes Zusammentreffen mit dem früheren Erzbischof von München und Freising, Kardinal Joseph Ratzinger, berichtet. Es war die Zeit der Nach-68er und viele Menschen waren damals auf die Straße gegangen, um in großen Demonstrationen ihre Meinung zu den einen oder anderen gesellschaftspolitischen Fragen öffentlich kundzutun. So auch die junge Studentin Gabi, die damals in der Katholischen Studierenden Jugend (KSJ) engagiert war und gemeinsam mit ihren Mitstreitern an einer Demo in München teilgenommen hatte.

Ein Vorgehen, das bei den Kirchenoberen auf wenig Begeisterung stieß, und schließlich dazu geführt hat, dass die Studenten zum Rapport beim Kardinal antreten mussten. „Da war mir schon ein bisschen mulmig, als wir da dann saßen und uns rechtfertigen sollten“, erinnert sich die erwachsene Gabriele mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen. Geschadet hat es ihr zum Glück nicht, und wer weiß, vielleicht hat auch ihre Widerständigkeit dazu geführt, dass sie heute da ist, wo sie ist. Übrigens, das Gespräch mit Kardinal Ratzinger soll ein sehr freundliches und konstruktives gewesen sein.

Die Autorin
Susanne Holzapfel
Münchner Kirchenzeitung
s.holzapfel@st-michaelsbund.de


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