Christ aus Palästina in München „Zum Glück gibt es die Kirche!“

08.08.2018

Jamal Hazin ist in Palästina geboren und lebt jetzt in München. Er erzählt, wie er in Italien seinen beruflichen Weg suchte, dort seine große Liebe fand und schließlich mit seiner Familie nach Bayern kam.

Am Münchner Hauptbahnhof beginnt Jamal Hazin von seinem Lebensweg zu erzählen.
Am Münchner Hauptbahnhof beginnt Jamal Hazin von seinem Lebensweg zu erzählen. © Krauß

München – Jamal Hazin kommt aus einem fernen Land. Palästina ist seine Heimat, und geboren wurde er am selben Ort wie Jesus Christus – in Bethlehem. Seine Pfarrei war die römisch-katholische Katharinenkirche der Franziskaner, deren Schule er bis zum Abitur besuchte und wo er auch Pfadfinder war. Inzwischen lebt er in München. Ab und zu führt sein Weg von der Arbeit nach Hause über den Hauptbahnhof. Dort, wo viele Menschen mit Fernweh auf Reisen gehen und Einwanderer ihre Landsleute treffen, da beginnt er von seinem Lebensweg zu erzählen: Wie er als Jugendlicher von Palästina aufbrach, in Rom seinen beruflichen Weg suchte, in Maccerata bei Ancona seine große Liebe fand und wie er schließlich mit seiner kleinen Familie nach München kam.

Bevor er von seinen 44 Lebensjahren erzählt, muss er kurz seine Frau anrufen. In fließendem Italienisch sagt er ihr, dass er etwa um 21 Uhr zu Hause sein wird. Welche Sprachen spricht er noch? Arabisch von Kindesbeinen an. Inzwischen auch Deutsch. Und dann benennt Jamal Hazin sozusagen die Überschrift zu seinem Lebensweg: „Zum Glück gibt es die Kirche! Das ist der einzige Lichtblick dort!“

„Als Christ hat man es besonders schwer“

Wenn er von Palästina erzählt, dann wählt er die Worte mit Bedacht. „Wir sind zwei Völker und drei verschiedene Religionen, die nicht immer positiv eingestellt sind.“ Sein Deutsch ist nicht perfekt, aber er spricht in langen Sätzen. Manchmal sucht er nach einem Wort, dann bewegt er seine Hände, als könne er die Worte greifen. Aber da ist noch etwas anderes, was ihn zurückhält: Drei seiner sieben Geschwister und seine Mutter leben im Westjordanland, und er will sie nicht in Gefahr bringen. Von den knapp fünf Millionen Menschen in den Palästinensergebieten sind etwa 67.000 Christen. Der Konflikt zwischen den Palästinensern und Israel lodert immer wieder auf. Deshalb formuliert Hazin vorsichtig: „Man kann dort gut leben. Aber das politische Klima ist nicht einfach. Als Christ hat man es manchmal besonders schwer. Aber es gibt auch Christen in unserer Regierung!“

Wenn er zurückdenkt, wie er sich als Jugendlicher in Palästina gefühlt hat, dann fasst er zusammen: „Meine Stimmung war sehr angespannt.“ Als er 14 Jahre alt war, erlebte er die Auseinandersetzungen der Intifada – das arabische Wort für „sich erheben“ beschreibt den Aufstand der Palästinenser gegen Israel. „Wir haben alles Mögliche gesehen!“, sagt er lakonisch über seine Kindheit. Sobald er solche Erinnerungen hervorholt, wandern seine Augen in die Ferne. Er erzählt, wie er auf dem Land aufwuchs, bei Weinstöcken, Olivenbäumen und Palmen. Und in den Krippenwerkstätten der Palästinenser baute er Ställe aus Olivenholz, wie sie an Touristen verkauft werden. „In unsere Familie sind wir seit zweitausend Jahren Christen – von uns ist keiner konvertiert.“

Umzug nach München war Familienprojekt

Die Kirche ist eine wichtige Instanz in seinem Leben – und sie hat ihm geholfen, aus dem unruhigen Palästina herauszukommen. Seine Schwester, die in Rom studierte, hatte eingefädelt, dass die Salesianer ihn unterstützen und ihn als 19-Jährigen ebenfalls nach Rom holten. „Ich war in Sicherheit in Italien – aber dass meine Familie in Gefahr war und mein Vater schwer krank, das war schwer auszuhalten für mich.“ Die folgenden Jahre sind geprägt von Höhen und Tiefen. Aber zuletzt siegt ein starker Wille, das Leben in die Hand zu nehmen. Als Kellner und Bauarbeiter finanziert Jamal Hazin sein Studium der Sozialpädagogik, er findet eine Anstellung in einem Rehabilitationszentrum, lernt seine italienische Frau kennen und gründet eine Familie. Aber die ökonomischen Verhältnisse sind nicht so, dass er gut für seine Familie sorgen kann. „Mein Traum war es, weiter zu lernen, eine bessere Perspektive zu haben.“ Ende 2013 zieht Jamal Hazin nach München, Frau und Kinder kommen nach – „das war ein Familienprojekt“.

Hier beeindruckt ihn die aktive Kirchengemeinde von St. Ulrich im Pfarrverband Laim. Jamal Hazin vergleicht: „In Bethlehem geht man nur in den Gottesdienst, sonst gibt es dort wenig Möglichkeiten. Hier gibt es Pfadfinder, Jugendlichen-Beirat, Zirkus Uli, den Kinder-Chor, das Sommerfest, Ausflüge für Familien, Vater-Kind-Wochenenden …“

Der Katholik staunt, wie sehr die Kirche im Alltagsleben aktiv ist. Und er ließ sich für den Pfarrgemeinderat aufstellen und wurde auch gewählt! Es sieht so aus, dass Jamal Hazin endlich angekommen ist, denn auch Arbeit hat er bei der Kirche gefunden: Er ist bei der Caritas im sozialpsychiatrischen Dienst angestellt, berät Flüchtlinge und Einheimische.

Kindern in Palästina eine Perspektive geben

Wenn Jamal Hazin heute an Palästina denkt, dann sagt er: „Man muss den Kindern dort eine Perspektive geben, eine Ausbildung, eine Orientierung und psychologische Unterstützung. Die Kirche ist wichtig für unsere Existenz, sie sorgt dafür, dass wir Stabilität haben.“ Und, mit Blick auf die Christen in Palästina: „Wir müssen dortbleiben und weiter dort leben!“ Im kommenden Jahr wird sein Zwillingsbruder in Bethlehem heiraten, und Jamal Hazin wird mit seiner Familie zum ersten Mal in die Heimat reisen, der Großmutter die Enkel zeigen.

Ganz zum Schluss erzählt er, welchen Zusammenhalt die Christen dort leben: „Es gibt verschiedene Kirchen – katholische und orthodoxe, evangelische und solche nach syrischem Ritus – aber wir sind alle Christen!“ Und hier wie dort gilt: „Zum Glück gibt es die Kirche!“ (Annette Krauß)


Das könnte Sie auch interessieren

An Fronleichnam tanzen die Gläubigen vor dem Allerheiligsten.
© privat

Afrika-Mission Ein anderes Gefühl für Ästhetik

Seit sieben Jahren lebt und arbeitet Pfarrer Thomas Brei in Tansania. Welche bayerischen Kirchenbräuche er in Afrika ganz besonders vermisst, berichtet der Missionar hier:

11.08.2018

Yonathan Shay setzt sich für den Dialog der Religionen ein.

Erfahrungen eines Juden „Ich hatte Angst um mein Leben“

Der Münchner Yonathan Shay ist Jude und lebte bis vor Kurzem in Berlin. Dort hat er massiven Antisemitismus erlebt.

19.07.2018

© Antenne Bayern

Juden in München Familie leidet unter Antisemitismus

München sieht sich gerne als weltoffene Stadt. Trotzdem gibt es auch hier einen neuen Antisemitismus. Und der bleibt für die jüdischen Bürger nicht ohne Folgen: Guy Fränkel und seine Familie sind...

13.07.2018

Christian Seebauer beim Pilgern durch Israel.
© Seebauer

Erfahrung eines Pilgers Ohne Geld durch Israel

Christian Seebauer war als Bettler im Heiligen Land unterwegs. Vier Jahre später wirkt der Israel Trail immer noch nach.

11.07.2018

Jetzt neu für Rosenheim: Der mk-online Newsletter

Wir informieren Sie über Aktuelles, Gottesdienste, besondere Veranstaltungen und Neues aus Religion und Gesellschaft.
Jetzt abonnieren