Blackfacing Zwei Meinungen zu "schwarzen" Sternsingern

04.01.2019

Dürfen sich die Sternsinger heute noch schwarze Farbe ins Gesicht malen, um einen dunkelhäutigen König darzustellen? Ist das "Blackfacing" mit rassistischem Unterton oder doch eine Tradition, die für christliche Weltoffenheit steht? Zwei Meinungen.

Darf es heute noch schwarz angemalte Sternsinger geben?
Darf es heute noch schwarz angemalte Sternsinger geben? © fotomek - stock.adobe.com

CONTRA: Ein Detail, auf das verzichtet werden sollte

Wenn am 6. Januar wieder tausende Sternsinger in ganz Deutschland auf den Straßen unterwegs sind, dann ist das – wie jedes Jahr – eine tolle Aktion. Sie steht für Solidarität und Engagement. Doch ein Detail sollte eigentlich schon längst in der Mottenkiste der Geschichte verschwunden sein: Kinder, die sich schwarze Farbe ins Gesicht malen, um den König Caspar aus Afrika zu spielen. Denn das ist Blackfacing.

Vor vier Jahren wurde der Begriff Blackfacing zum Anglizismus des Jahres gewählt. Das Wort beschreibt die Praxis, sich schwarze Farbe ins Gesicht zu schmieren, um dunkelhäutige Menschen darzustellen. Das hat seine Ursprünge in Amerika, wo zum Beispiel Schauspieler von schwarzen Charakteren weiß waren. Meistens waren diese Rollen hochgradig rassistisch und strotzten nur vor Vorurteilen des „wilden, primitiven Ureinwohners“. Noch 2018 gibt es zahlreiche Skandale in den USA über Blackfacing-Partys an US-Colleges, bei denen sich betrunkene Weiße über die angeblichen Charaktereigenschaften von Afroamerikanern lustig machen. So weit, so schlimm.

Seit dem Mittelalter gibt es in der Kunst Darstellungen, die einen schwarzen König zeigen.
Seit dem Mittelalter gibt es in der Kunst Darstellungen, die einen schwarzen König zeigen. © zatletic- stock.adobe.com

Keine Grundlage in der Bibel

Bei den Sternsingern ist das natürlich harmloser, aber immer noch falsch. Denn im Grunde genommen sind auch hier Ressentiments das Problem, die sich über die Jahrhunderte sogar manifestiert haben.

Fangen wir mit der Bibel an, also der Grundlage dieses Brauchs. Dort ist weder die Rede von Königen, noch von der Herkunft der Könige. Im Matthäusevangelium ist lediglich von den Sterndeutern die Rede. Könige, die aus Afrika, Europa und Asien kommen sollen, sind also eine freie Erfindung der Legendenbildung. Ein Kind, dass sich also schwarz anmalt, um der angebliche afrikanische Caspar oder Melchior zu sein, ist biblisch gesehen totaler Quatsch.

Das Klischee bedienen

Natürlich läuft das bei Traditionen und Bräuchen immer so ab, dass sie sich über die Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte verändern, dass Namen hinzukommen, und die Attribute, wie zum Beispiel die Königsgewänder verklärt werden. Das ist auch prinzipiell gar nicht das Problem.

Schwierig wird es aber, wenn die Herkunft offensichtlich so wichtig ist, dass sich ein weißes Kind schwarze Farbe ins Gesicht malt, damit dem Klischee genüge getan wird. In vielen Städten gibt es etliche schwarze Kinder, die genauso bei der Aktion mitmachen. Wäre es vorstellbar, dass sich eines dieser Kinder weiße Farbe ins Gesicht kleistert, weil es zum Beispiel gar nicht den Caspar mimen will? Die automatische Reaktion auf so eine Aktion wäre betretene Verwunderung, wenn nicht sogar Ablehnung.

Redakteur Lukas Fleischmann
"Contra": Redakteur Lukas Fleischmann © smb

Relikt der Vergangenheit

Genau das sollte auch für den schwarzen Caspar oder Melchior gelten! In Zeiten, in denen wir längst eine multikulturelle Gesellschaft sind, was Hautfarbe und Herkunft anbelangt, sollte auch diese künstliche Verstellung ein Relikt der Vergangenheit sein.

Sich eine Farbe künstlich ins Gesicht zu schmieren, ist rassistisch, weil es gegen Weltoffenheit ist und die natürliche Vielfalt der Menschen ablehnt. Es reduziert den Menschen auf das Merkmal „Rasse“ und nicht auf die kulturelle Herkunft. Egal ob das weiße Kinder sind, die sich schwarz anmalen, oder schwarze Kinder, die sich weiß anmalen. Selbst, wenn man das eher nicht sieht. Auch dafür wird es wohl Gründe geben.

Tradition hin oder her – das, was eigentlich zählt, sind Kinder, die die sich für andere Kinder engagieren und von Haus zu Haus ziehen. Und dabei ist es schnurzpiepegal welche Hautfarbe sie haben, so lange es ihre eigene ist. (Lukas Fleischmann)

"Pro": Redakteur Paul Hasel
"Pro": Redakteur Paul Hasel © smb

PRO: Der schwarze König steht für Afrika

Die Sternsinger drohen unter die Räder der Blackfacing-Debatte zu geraten. Ich frage mich, wieso es überhaupt soweit kommen konnte. Im Kern geht es beim Blackfacing doch darum, dass weißhäutige Menschen sich das Gesicht schwarz anmalen mit dem Ziel, dunkelhäutige Menschen zu diskriminieren. Blackfacing dient dazu, nicht mit, sondern nur über dunkelhäutige Menschen zu reden. Schon seit einigen Jahren haben die Blackfacing-Protagonisten auch die Sternsinger im Visier. Weil einer der Heiligen Drei Könige als Schwarzer dargestellt wird. Aber ist das wirklich diskriminierend, wenn ein Kind in einer Sternsinger-Gruppe sich das Gesicht schwarz anmalen lässt? Ich meine: nein!

Hier geht es um eine alte Tradition. Denn seit dem frühen Mittelalter gibt es in der Kunst Darstellungen, die einen schwarzen König zeigen. Zuerst war das Caspar, später Melchior. Die drei Könige vertreten die damals bekannten drei Erdteile Europa, Afrika und Asien. Der schwarze König steht für Afrika. Wenn die Sternsinger diese Tradition fortführen, stehen sie damit für das christliche Menschenbild ein: Mit der Geburt Jesu wird Gott Mensch für alle Menschen – egal, welche Hautfarbe sie haben. Ein schwarz geschminkter Sternsinger soll also zum Ausdruck bringen, dass die Weihnachtsbotschaft für alle Menschen gilt. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Wenn das mal keine Ansage ist!

Eintöniger Moralismus

Niemand darf auf Grund seiner Hautfarbe ausgegrenzt werden. Da bin ich voll und ganz bei den Blackfacing-Aktivisten. Aber wie so oft, wenn es um political correctness geht, wird weit über das Ziel hinaus geschossen. Das schwarz angemalte Gesicht ist per se eine Beleidigung, deswegen soll das niemand mehr machen. Motive und Handlungsabsichten sind kein Beurteilungskriterium mehr. Aber ein solcher eintöniger Moralismus schafft letzten Endes die gesellschaftliche Vielfalt ab, von der unsere Demokratie lebt. Und er erzeugt Verunsicherung und Angst.

Im vergangenen Jahr erzählte mir die Leiterin einer Sternsingergruppe aus unserem Pfarrverband, dass sie keinen schwarzen König mehr haben, "damit es keinen Ärger gibt". Es einfach nicht mehr machen, damit man nicht angefeindet wird. Hier werden wir als Christen meiner Meinung nach umdenken müssen. Denn die Entchristlichung unserer Gesellschaft wird sich fortsetzen. Wir werden mehr denn je erklären müssen, was wir glauben und welche Handlungen und Traditionen damit verbunden sind. Deswegen mein Appell an alle Sternsinger, die heuer wieder unterwegs sind: wenn ihr wollt, schminkt euch das Gesicht schwarz, lasst euch nicht einschüchtern. Ihr müsst aber auch darauf vorbereitet sein, dass man euch fragt, wieso es den schwarzen König gibt. Und dann müssen die Älteren unter euch in der Lage sein, darauf eine Antwort zu geben, die diese Tradition rechtfertigt. (Paul Hasel)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Sternsinger

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