Kirche und Asyl Zwei Münchner Bischöfe über fünf Jahre Willkommenskultur

22.07.2020

"Wir schaffen das" - Vor fünf Jahren sagte Kanzlerin Angela Merkel diesen folgenreichen Satz. Der Münchner Hauptbahnhof wurde zum Symbol der deutschen Willkommenskultur für hunderttausende Flüchtlinge. Der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm schauen zurück und nach vorn.

Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm
Kardinal Reinhard Marx und Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm über die deutsche Willkommenskultur. © KNA

Herr Kardinal, Herr Landesbischof, wer hatte am 5. September 2015 die Idee zur spontanen Stippvisite am Gleis?

Reinhard Marx: Wir hatten uns an diesem Samstag getroffen, sprachen über die Lage, und dann hat Heinrich Bedford-Strohm gesagt: Wir könnten da jetzt eigentlich mal hingehen. Ich habe ihm schließlich zugestimmt. Da waren Menschen, die anderen in Not helfen wollten. Und wir sind hingegangen, um ihnen zu sagen: Gut, dass ihr da seid. Auch wenn wir danach Briefe bekommen haben, die nicht so angenehm waren - als Bischof möchte ich mich nicht dafür entschuldigen, dass ich Solidarität zeige und Menschen, die anderen helfen, unterstütze.

Heinrich Bedford-Strohm: Die Menschen, die aus den Zügen gestiegen sind, waren wochenlang hin- und hergeschoben worden. In Deutschland, nach ihrer Ankunft am Münchner Hauptbahnhof, wurden sie von lauter offenen Armen empfangen. Ihre Gesichter werde ich nie vergessen: erst ungläubiges Staunen, dann Erleichterung und Freude, endlich einmal als Menschen behandelt zu werden und nicht als Gefahr oder Last. Das war ein großer Moment in unserer deutschen Geschichte. Der erste Satz des Grundgesetzes von der Unantastbarkeit der Würde des Menschen wurde mit Leben gefüllt. Darauf bin ich stolz. Dass es einfach werden würde, hat damals keiner behauptet.

Würden Sie heute wieder zum Hauptbahnhof gehen?

Beide: Auf jeden Fall.

Hat Angela Merkel mit ihrem Ausspruch Recht behalten?

Marx: Der Satz führt seit fünf Jahren fast so etwas wie ein Eigenleben. Stellt man ihn wieder in den damaligen Kontext, die dramatische Situation, dann spürt man, dass er absolut richtig war. Die Bundeskanzlerin wollte ja Mut machen, diese Herausforderung anzunehmen, die sich keiner ausgesucht hat. Wenn wir alle uns Mühe geben, dann können wir das schaffen - darum ging es.

Bedford-Strohm: Wer politische Verantwortung trägt, muss Zuversicht verbreiten und nicht Angst. Rückblickend lässt sich jedenfalls sagen: Die Integration in den Arbeitsmarkt ist erstaunlich gut gelungen. Rund die Hälfte der damals Gekommenen, also 500.000 Menschen, sind heute in Arbeit oder Ausbildung. Davon hätten viele vor fünf Jahren nicht zu träumen gewagt mit Blick auf die notwendigen Qualifikationen und Sprachkenntnisse.

Marx: Auch die von manchen Untertönen begleiteten Befürchtungen, dass die Kriminalitätsrate in Deutschland steigen würde, haben sich nicht bewahrheitet. Bedroht wird unser Gemeinwesen nicht von Migranten, sondern von Rechtsaußen. Das bestätigt der jüngste Verfassungsschutzbericht.

Christen haben für ihr Engagement zugunsten von Migranten viel Anerkennung erfahren. Dennoch ertrinken weiter massenhaft Flüchtlinge im Mittelmeer. Tun die Kirchen genug?

Marx: Genug tut man nie. Gerade deshalb aber ist die Seenotrettung so wichtig. Solange die Politik keine menschenwürdige Lösung für dieses Problem findet, nicht für den Krieg in Syrien, für die Lager auf Lesbos, solange müssen wir handeln, da mache ich keinen Rückzieher.

Bedford-Strohm: Die Kirchen ziehen an dieser Stelle alle an einem Strang. Kardinal Marx hat mit einem namhaften finanziellen Beitrag das von der evangelischen Kirche initiierte Bündnis United4Rescue unterstützt. Anfang August wird das Schiff in See stechen. Jedes einzelne Leben, das gerettet wird, ist diese Anstrengung wert. Bei der Gelegenheit: Ich habe noch nie so viele positive Nachrichten bekommen wie nach dieser Entscheidung, es gab sogar Kircheneintritte. Die Leute sagten, ich bin stolz auf meine Kirche.

Marx: Bei unserem ökumenischen Gottesdienst mit Flüchtlingen und Helfern im vergangenen Advent war es im Liebfrauendom so brechend voll wie zu Weihnachten. Das hat mich sehr bewegt und auch ermutigt bei aller Kritik, die wir für unser Engagement bekommen. Zu sehen, wie viele sich da mit Herzblut engagieren.

Bedford-Strohm: Bleibt zu hoffen, dass es unter der deutschen EU-Ratspräsidentschaft in den kommenden Monaten gelingt, in Europa zu einem funktionierenden Verteilmechanismus zu kommen.

Marx: Der Bundesinnenminister hat ja selbst die Situation auf dem Mittelmeer als menschenunwürdig bezeichnet. So wie bisher kann es wirklich nicht weitergehen.

Mit diesem Minister und den Behörden gibt es immer wieder Streit ums Kirchenasyl. Wie beurteilen Sie den aktuellen Stand?

Marx: Es ist schwieriger geworden, aber wir halten daran fest: In äußersten Notlagen oder bei Unklarheiten ist Kirchenasyl in Absprache mit den Behörden legitim. Wir verstecken niemanden, wir handeln nicht rechtswidrig. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in schwierigen Situationen noch einmal genauer hinzuschauen.

Bedford-Strohm: Leider berichten unsere Gemeinden, dass genau das nicht mehr passiert. Sie tragen aufwendig Dossiers zusammen, aber anders als früher erhält nur noch eine verschwindend kleine Zahl von Geflüchteten im Kirchenasyl ein Verfahren in Deutschland. So entsteht der Eindruck, die Ablehnungen sind gar kein Ergebnis echter Überprüfung, sondern nur Wiederholung alter Bescheide. Diese Praxis hat die Vereinbarung der Kirchen mit dem Staat ausgehöhlt. Auf besonderes Unverständnis stößt, dass in Deutschland konvertierte Iraner von Abschiebung bedroht sind. Sie gehören inzwischen zu unseren Gemeinden, engagieren sich zum Teil in Kirchenvorständen.

Sie gelten beide als politische Köpfe. Kritiker sagen, unter Ihrer Führung unterscheidet sich die Kirche kaum noch von einer Nichtregierungsorganisation.

Bedford-Strohm: Das ist Unsinn. Man kann nicht fromm sein und sich aus der Politik heraushalten. Die Option für die Armen haben nicht wir erfunden, die steht in der Bibel.

Marx: Man sollte diesen Kritikern den Propheten Jesaja ans Herz legen. "Was nützen Eure Gebete, Eure Gottesdienste, ich höre sie nicht, ich halte mir die Ohren zu, weil ihr nicht die Gerechtigkeit tut und die Waisen und Witwen zugrunde gehen, die Reichen über die Armen herfallen." Das ist viel stärker als das, was ich zu sagen wage. Aber ich halte es mit dem großen Theologen Johann Baptist Metz, der von einer "Mystik der offenen Augen" sprach. Das nehme ich auch für mein Beten in Anspruch: Dass mir die Augen geöffnet werden für die Realität der Menschen, insbesondere der Armen, Schwachen und Kranken, und ich mich nicht in meiner Seelenruhe verschließe. (Christoph Renzikowski/KNA)

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Flucht & Asyl

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