Strohsterne und kalter Tee Zwei Seelen wissen nicht wie

13.01.2020

Magdi Yacoub ist Deutsch-Ägypter und hat eine lange Reise zwischen zwei Welten hinter sich. Heimat musste er suchen, dabei war sie immer da.

Grafing – „Jetzt haben wir ein Stück Heimat“, sagt Magdi Yacoub mit einem schiefen Grinsen, als er die elektrischen Kerzen am Weihnachtsbaum anschaltet. Seine Frau Martina bringt Stollen ins Wohnzimmer, die fast erwachsenen Söhne, Maurice und Karim, sind soeben ausgeflogen. Draußen zeigt sich Grafing nicht gerade von seiner schönsten Seite: Seit Stunden prasselt der Regen auf die Straßen, Schneematsch liegt an kahlen Bäumen. An diesem Donnerstag strahlt in seiner anderen Heimat Kairo die Sonne – 20 Grad im Januar. Irgendwann steht der 57-Jährige auf, um ein anderes Stück Heimat zu bringen, einen kalten, ägyptischen Tee. Ein Erfrischungsgetränk an heißen Tagen.

Strohsterne sind auch Heimat

In Kairo als Sohn eines Ägypters und einer Deutschen geboren, in die Schule gegangen und die Universität besucht, geht Yacoub Anfang der 90er Jahre nach München. Er kennt Deutschland: Als Kind ist er alle zwei Jahre mit Vater Alfons und Mutter Elsa im oberfränkischen Stammbach gewesen, um die deutschen Großeltern zu besuchen. Elsa hatte die Wohnung in Shubra sehr deutsch eingerichtet: Strohsterne am Weihnachtsbaum, auch das sei Heimat, sagt er.

In München arbeitet er in einem Architekturbüro, will promovieren. Zwar wird aus der Promotion nichts, aber in der Bibliothek lernt er Martina kennen. Doch nach zwei Jahren zieht es ihn zurück. Er sei damals nicht reif genug gewesen, sagt er. So richtig kommt er nie in Deutschland an, auch weil er als Ausländer identifiziert wird. Bei einem Wichtelgedicht einer Kollegin fühlt er sich tief verletzt, weil sie frei nach Goethe über ihn dichtete „zwei Seelen wohnen in Deiner Brust“. Was nett gemeint war, empfindet Yacoub als Kränkung, als sei er nicht eine Person. „Über die Jahre habe ich versucht etwas zu bewahren, das wirkte oft entweder hochnäsig oder gehemmt.“

Gehemmt und hochnäsig

Eine Erfahrung, die sich nicht auf Deutschland beschränkte, sondern ihm auch aus Ägypten bekannt war: In Kairo schrie ihn einmal ein Bekannter seines Vaters an, er würde doch auch vom Tier abstammen und solle sich doch mal so benehmen. Third Culture Kids werden in monokulturellen Kontexten oft als arrogant wahrgenommen. Yacoub hat viel über das Thema nachgedacht, warum er damals nicht so sein konnte wie er wollte: „Die zwei Seelen, die in einer Brust wohnen, wussten nicht wie.“ Sein erster langer Deutschlandaufenthalt war davon geprägt. Er wollte zurück. Es folgen zwei Jahre Fernbeziehung – ohne Internet und mit teuren Ferngesprächen und langsamen Briefen. Dann folgt sie ihm nach Kairo: Der Dreck, der Lärm, das Chaos. Aber sie fanden ein neues Zuhause in Maadi, einem Viertel mit vielen Europäern, grünen Straßen und teuren Geschäften.

Yacoub benutzt über sich selbst häufig den Begriff bikulturell. Ein Begriff der in Deutschland meist die Kinder von ehemaligen Gastarbeitern beschreibt: Doch Yacoub ist nicht das Kind von Gastarbeitern und er hat auch keine ferne, emotional verklärte Heimat. Der Rückkehr nach Deutschland vor fünf Jahren liegen keine klassischen Migrationsursachen zugrunde, auch wenn die Lage in Ägypten nach der Auflösung der Volksversammlung problematisch war. Aber Yacoub stellt klar: „Wir sind nicht geflohen, es war keine Migration, es war ein Wohnortwechsel.“

Selbstbewusster und sicherer

15 Jahre lebten sie zusammen in Kairo, bekamen zwei Söhne – für die beiden ist Ägypten eine Heimat und Deutschland eine andere. Yacoub bemüht sich darum, dass sie Ägypten nicht verklären: “Auch die schlimmsten Erfahrungen der eigenen Kultur gehören zu deinen Genen.”

Heute fühlt sich Yacoub, der nicht mehr als Architekt arbeitet, sondern ein Flüchtlingsprojekt leitet, in seiner Identität selbstbewusster und sicherer – darauf ist er stolz. Den Unterschied zwischen seinem ersten Deutschlandaufenthalt vor über 20 Jahren und dem jetzigen, der schon lange kein Aufenthalt mehr ist, zu fassen, fällt schwer. Klar, Yacoub spricht astreines Deutsch, er kennt Sitten und Gebräuche, versteht dass Deutsche meist kurz angebunden sind, während in Ägypten lange Höflichkeitsfloskeln gebraucht werden, um die einfachsten Sachverhalte zu erfragen. Aber das war damals nicht anders und als Ausländer wird er oft immer noch identifiziert. Martina ist ein Unterschied und ihre beiden Söhne, das ist auch das Erste, was ihm einfällt: „Man kann nicht aus der einen Familie hinaus ohne in einer anderen anzukommen.“

Verstehen und verstanden werden

Aber Heimat als Familie zu begreifen, ist Yacoub zu einfach, denn Fremdheit hat er trotz familiärem Umfeld auch in Ägypten erfahren: Als Christ wurde er manchmal an der Uni ausgegrenzt, in der deutschen Schule in Kairo war er oft ein Außenseiter, weil seine Familie zu den weniger wohlhabenden gehörte. Er hat gebraucht, um sich zu finden zwischen und in zwei Kulturen. Heimat ist natürlich eine Verbindung von Orten und Beziehungen, Gerüchen und Geräuschen, aber es „ist auch etwas in den Genen, außerhalb meiner Kraft.“ Einen Ort kann man besuchen, einen bestimmten Geruch durch das Kochen eines Gerichts wiederherstellen, Beziehungen am Telefon leben, Heimat aber nicht. Denn zu Heimat gehört mehr als das Fassbare oder “Physik” wie Yacoub sagt: „Verstehen und Verstanden werden“. Damit meint Yacoub nicht Sprache, sondern die Welt, in der er lebt. Für Yacoub ist Heimat in Kairo und Grafing und irgendwie auch Stammbach. Heimat ist vor allem aber in ihm und in den Menschen um ihn herum.

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Der Autor
Thomas Stöppler
Volontär
t.stoeppler@st-michaelsbund.de

Dieser Artikel gehört zum Schwerpunkt Perspektiven auf Heimat

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